HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Polizeierinnerungen

Erinnerungen eines Polizisten, der diesen Beruf freiwillig und erleichtert an den Nagel hing, später noch Langzeit-Theaterintendant wurde und hochbetagt und unspektakulär dies niederschrieb.

Da war einmal die Geschichte, als man die Republik stürzen wollte*),

doch vorher erinnere ich mich meiner Berufung*),

und einer großen Versuchung*),

oder man lernte Lokalgeschichtliches*),

oder wie man auf dem Donaukanal eine Minimarine aufbaute*),

dass man einem bekannten Schauspieler gerne zuhörte*),

auch traf man die Größten der Weltpolitik*),

oder auch die Stärksten des Catcherringes*),

man nahm an einer ganz geheimen Ovation teil, die Österreich nichts als Sorgen brachte*),

ich wunderte mich, über die Ideen der Fernsehregisseure*),

wie die Wachkommandanten der Unbildung ausgesetzt waren*),

dass ich außerdem ein vielseitiger Sportler*) war,

spielte bei Bällen Kabarett und traf Freunde*),

ließ mich nicht von meinem Weg abbringen*),

ärgerte mich über besondere Zeitgenossen*),

wunderte mich über meine gedankliche Überzeugungs-Durchschlagskraft*),

und sagte zum Schluss erleichtert meine Meinung*).


Vorher waren die Erinnerungen während meiner Zeit bei der Wiener Polizei, anschließend sie Schilderungen der Struktur, meiner Aufgaben und sonstigen Umfeldes dortselbst.

Nachfolgendes bringt eine Schilderung meines Eintrittes in die Wiener Polizei, Fotos und Daten meiner Karriere, der Schulen, sowie der Organisation und den Aufgabenbereich meines damaligen dienstlichen Umfeldes. Auch können dann die oben stehenden Detailerinnerungen vielleicht besser zeitlich und örtlich lokalisiert werden.


So begann dieser Zeitabschnitt.

Nach Rückkehr aus der zweiundeinhalb jährigen russischen Kriegsgefangenschaft und einer schriftlichen Aufnahmeprüfung (die drei Grundrechnungsarten und einen Aufsatz: Thema nicht mehr in Erinnerung) irgendwann im November oder Dezember 1947 wurde durch Protektion ( im gleichen Gemeindebau wie ich wohnende, mir gut gesinnte Kriminal-Bezirksinspektor FROST ,ein Freund des damaligen Polizeischulkommandanten. Obstlt. HOFBAUER und meines sehr guten Abschneidens bei der erwähnten Prüfung) mein Akt
nach oben gereiht und ich wurde durch das Generalinspektorrat der Wiener Sicherheitswache Wien 1.,Zedlitzgasse 8, mit der Standesnummer 98/48, ab 31.01.1948 der Schulabteilung, Wien 9, Schlickplatz, Rossauerkaserne als Provisorischer Polizeiwachmann (02.02.1948) zur Ausbildung zugeteilt.

Sehr lang dieser Satz, aber ich glaube er sagt, nicht nur über die damalige Zeit, Alles.



FOTO: 1948. Das war noch in der Schulabteilung der Roßauerkaserne. Eine Werbeaktion für die Polizei. ziemlich schlank der junge Mann. Prov. Polizeiwachmann HERWIG SULZENAUER

Karriere.

31.01.1948
Eintritt in die Wiener Polizei
31.03.1949 war meine Einschulung abgeschlossen und wurde ab
01.04.1949 dem Abteilungskommando des Polizeikommissariates Schmelz (Fünfhaus) zum Rayonpostendienst zugeteilt.
01.01.1951 pragmatisiert. Amtstitel Polizeiwachmann.
September 1954 bis Mai 1955 Fachkurs für dienstführende Beamte. Erfolgreich: Plus gut.
01.01.1955 Amtstitel Oberwachmann.
28.02.1956 Amtstitel Polizei Revierinspektor. Damals der jüngste Wachkommandant von Wien, das ist ein Leiter eines Wachzimmers (Polizei Inspektions Kommandant) in einer bestimmten Dienstgruppe.
01.03.1956 der Sicherheitswacheabteilung des Kommissariats Favoriten zugeteilt.
16.08.1965 mein freiwilliger Austritt aus Wiener Polizei*)

Weiter siehe unter Link: Schauspieler Regisseur*).


FOTO: 1951. Pragmatisierter Pol.Wachmann HERWIG SULZENAUER. So lange, wie dieses Bild ist, schien die die Zeit der Polizei zu dauern, bis ich endlich zum Theater kam.

Falls ich nun meine „Polizeizeit“ weiter schildere, muss ich um etwaige Irritationen des nicht eingeweihten Lesers auszuschalten, mich mit den Aufbau und der Organisation meines damaligen Dienstgeber auseinander setzen.

Wem dies nicht interessiert, überspringt es einfach. Ich bin nicht böse. Jemand anders will es vielleicht wissen.

Organisation und Aufgabenbereich unter besonderer Berücksichtigung meines damaligen dienstlichen Umfeldes.

Die Wiener Sicherheitswache, so hieß dieser Verein korrekt, war nur im Stadtgebiet in Wien für so ca. alles was in der Öffentlichkeit Probleme ergab oder ergeben konnte, zuständig. Sei es nun Mord, Raub, Einbruch, falsches Parken, Krankentransporte, Straßenbeleuchtung, Geburtshilfe, ect., ect. Die Liste ließ sich wahrscheinlich über eine ganze Seite fortsetzen. Zu Beginn möchte ich noch erwähnen, das die Ära "der Mistelbacher" in den größten Zügen schon vorbei war. Die jetzigen Polizisten war meistens Kriegsteilnehmer, von denen sehr viele die Matura hatten ( ca. 25 % ), aber durch die herrschende Arbeitslosigkeit die Arbeit eines Polizisten annahmen. Sehr wenige Ausnahmen von älteren Polizisten, die noch den Mistelbachern angehörten, gab es schon noch im geringsten Maße. Wie z.B.: "Wer hat die Fenster zrissen, die Vurhangl aufgstellt und des Wasser aufgstrad?"

Das Korps, so lautete die interne Bezeichnung, war eingeteilt in Abteilungen, vorerst in Bezirken, dann für Spezialaufgaben, wie Hunde-, Verkehrs-, Nachrichten-, die schon erwähnte Schul-, Alarm-, und später auch noch die Wasserschutzabteilung aufgeschlüsselt. Auch diese Aufzählung entbehrt der Vollständigkeit.

Das zu den Bezirken (Kommissariaten), eingeteilte Teil des Korps der Wachebeamten hieß Sicherheitswache-Abteilung. Diese Beamten versahen in Polzei Wachzimmer (heute Polizeiinspektion, wie ich Wien kenne, wird sich der Terminus technicus Wachzimmer noch zwei bis drei Gererationen halten)) ihren Dienst. Sie waren außendienstlich für die Vorgänge auf der Straße ect., und innendienstlich für Anzeigen-Entgegennahme, Abfassen von polizeilichen Schriftstücken, wie Unfallsmeldungen, Vermittlung von Spitalsbetten, Rundschreiben, zuerst noch im Morsealphabet, und später auch mit dem Fernschreiber, und noch für vieles andere zuständig. Diese waren in 3 (drei) Dienstgruppen eingeteilt, die sich jeweils nach 24 Stunden Dienst ablösten. So hatte man 24 Stunden Dienst (Hauptdienst), 24 Stunden war man in Bereitschaft und 24 Stunden war man frei. Das ergab 2 Wochen eine 48 Stundenwoche und die dritte Woche eine 72 Stundenwoche (hic!). Und während des Bereitschaftsdienstes konnte man noch zu verschiedenen anderen Diensten, wie in der Nacht Wachestehen bei den gelagerten U.N.R.A. Produkten, Zusatzdienst bei Fronleichnamsprozessionen, Fußballspiele, Theaterdienst, Politikerhausbewachung abkommandiert werden. Diese waren miserabel bezahlt. Im Jahre um 1950 so um die 12,00 Schilling.

Der Fläche eines Bezirkes (Abteilung) wurde in Rayons aufgeteilt, und es sollten für jeden Rayon ein diensttuender Wachebeamter pro Dienstgruppe vorhanden sein. (Sollte, war es aber nicht. Zum Schluss war ein Rayonsposten für 3 – 4 Rayons zuständig.) Denn damals wurden schon Wachzimmer geschlossen.

Und 6-12 Rayons umfasste ein Wachzimmer (jetzt: Polizei Inspektion)


FOTO: 1.1.1955 zum Polizei Oberwachmann befördert. Aber nicht lange, denn ab 28.02.1956 schon Polizei Revierinspektor (Dienstführender). HERWIG SULZENAUER damals der jüngste Wachkommandant von Wien.


Der Kommandant eines Wachzimmers leitete und überwachte alle Arbeitsaufgaben im Außen- und im Innendienst. Dies konnte er erst nach positivem Abschluss der Absolvierung des Fachkurses für dienstführende Beamte und nach Dienstalterserreichung die Beförderung vorerst zum Polizei Revierinspektor werden. (Siehe oben Absatz Karriere ). Der Titel war damals mit viel Schweiß und Denkschmalz verbunden. Heute bekommt Ihn schon einE jedeR. Die letzten zwei Worte sind keine Tippfehler, sondern eine geschlechts- spezifische vorauseilende neue Rechtschreibung.

Wenn wir schon beim Gehirnschmalz sind. Mein Studium auf der Polizeischule (Grundschule von 1.2.1948 bis 30.April 1949 und der Kurs für Dienstführende September 1954 bis Mai 1955) hat mir viel Erfahrung , besonders im verwaltungsrechtlichen, privat- und zivilrechtlichen Bereich gebracht. Diese Erkenntnisse konnte ich bei den späteren künstlerischen-administrativen Aufgaben als Direktor und Intendant sehr nützen. Sie wurde von jeweiligen höchsten Beamten der Stadt Leoben, dem Stadtamtsdirektor ,und in St.Pölten, von drei Magistratsdirektoren (mit der Zeit läppert sich das zusammen) immer sehr positiv bewertet. NS.: Einigen noch aus dieser Zeit stammenden Beamten des Magistrates der Stadt St.Pölten ist mein injizierter Prozess gegen die Polizeidirektion St.Pölten wegen zu zahlenden Inspektionsgebühren für Theaterüberwachungsdienste heute noch in Erinnerung. Er ersparte der Stadt St.Pölten hunderttausende Schilling an Überwachungsgeldern. NB. Der damals zuständige Polizeidirektor von St.Pölten war mein Freund wirkl. Hofrat Dr. KONRAD KÖCK; GENANNT Kurtl.

Ich gab bei meinem Absatz: Karriere, bekannt, dass ich zuerst dem Kommissariat Schmelz (XV. Bezirk) als Rayonsposten und dann als Wachkommandant dem Kommissariat Favoriten (X. Bezirk) zugeteilt worden war. Ich wurde auch der sogenannten Alarmabteilung,
7. Kompanie zugeteilt. Diese wurde bei Großereignissen, wie Staatsbesuchen, Länderspiele und Bedrohungen des Staates eingesetzt. Um hie und da zur Ausbildung. Ich gehörte dieser Abteilung als einfacher Wachbeamter, dann als Gruppenführer und zum Schluss als Zugsführer an. Erlebnisse dort sind in den div. Geschichtchen erreichbar durch Link*) zu lesen.

Man wurde im Bezirk einem Wachzimmer fest zugeteilt, musste aber als Ersatz für Kranke oder Urlauber auf anderen Wachzimmern des Bezirkes Dienst versehen. So war im XV. Bezirk das Wachzimmer Westbahnhof mein Zentralpunkt. Lernte aber meinen Dienst vom Wachzimmer Kellinggasse, Wurmsergasse bis Friedrichsplatz kennen. Die Örtlichkeiten waren mir sowieso vertraut, denn ich bin ja dort aufgewachsen. Musste ich ja die zweite Verkehrshauptschlagader, die Hütteldorfer Straße, drei Jahre täglich zweimal durchmarschieren. ( Siehe Link:1936 RG 7 Kandlgasse*). Als Rayonsposten hatte ich im Hauptdienst auf dem Wachzimmer folgende Aufgaben: drei Stunden Außendienst, drei Stunden Innendienst. Bei zweiteren mussten die Meldung geschrieben , und der Parteienverkehr abgehalten (z.B.: u.a. Spitalsbettenvermittlung) werden. Dann wieder drei Stunden hinaus bei Wind, Schnee, Hitze und Regen. In den Nachtstunden von 22,00 – 07,00 Uhr konnte man, falls meine keine Meldung zu schreiben oder Journaldienst (ordinär. „Aufbleiber“) hatte (Name sagt alles.) auf einem Bett voll angezogen, ruhen.


FOTO: 1963. Als Wachkommandant in der Per Albin Hansson Siedlung. Fix zugeteilt wurde ich, der Reihe nach:Oberlaa, Theodor Sickel Gasse, Wienerfeld, Triester Straße und zuletzt Per Albin Hansson Siedlung. Vertretungsdienst machte ich noch am Südbahnhof, Quellenstraße und Kepplergasse. (Dahinter mein erstes Auto. Der Opel-Kapitän vom HERWIG SULZENAUER.)

Und als Wachkommandant war ich für das ganze jetzt Erwähnte und noch für vieles mehr voll verantwortlich. Auch für den Posten der sich bei der Sperrstundenüberwachung zuviel an Alkohol zugemutet hatte oder im Park während seines Dienst seinen Rausch ausschlief. (Alles schon da gewesen, sagte einst ein alter Weiser). U.s.w., u.s.w.
Wie ich als Rayonsposten für Kranke oder Urlauber auf einem anderen Wachzimmer einspringen musste, so war dies auch als Wachkommandant in Favoriten gang und gäbe. Von Oberlaa bis Südbahnhof, vom Laaerberg bis zur Triester Straße. Und so kam einiges zusammen von dem ich Gedankensplitter, so weit erinnerlich noch berichten werde.


FOTO: 1965 . (Nachgeholter Fototermin). Dieses Bild gehört zum letzten Akt*) in der Polizei. HERWIG SULZENAUER Abschied. Das war meine letzte Mannschaft, eigentlich hieß es Besatzung, und im Wachzimmer Per Albin Hansson Siedlung. Rechts außen: SALZER, Links außen: ADELT. Und mein Schreibtisch und die in den Polizeierinnerungen Link: Haxelbeisser*) erwähnte Schreibmaschine.

Von der Zeit in der Polizei gibt es keine Fotos mehr, nur noch Erinnerungen eines Polizisten*), der diesen Beruf freiwillig und erleichtert an den Nagel hing, dann Schauspieler und Regisseur*), später noch Langzeit-Theaterintendant*) wurde und hochbetagt und unspektakulär, aber mit Augenzwinkern,dies niederschrieb.