HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Der letzte Akt

Es war die Schlussklappe meines Gastspieles der Live Fernsehserie „Wiener Polizei bei Tag und Nacht“.

Am 16.August 1965 ging ich in die „ Abteilungskanzlei der Sicherheitswache Abteilung Favoriten im Polizei Kommissariat Favoriten“ (die hochamtliche Bezeichnung dieser Stelle) und wollte eine wichtige schriftliche Meldung abgeben. Bevor ich aber damit begonnen habe, erschien der vorhin schon genannten dienstführende Beamte Herr Oberleutnant Sowieso (den Namen weiß ich nicht mehr) und tadelte mich (Haxlbeisserei) mit den Worten: „Herr Revierinspektor Sulzenauer, ihre Dienstauffassung hat in der letzten Zeit stark nachgelassen. Es würde ihnen gut tun, dass sie mehr Interesse an ihrer Arbeit zeigen würden!“

Diese Mickeymaus wusste ja nicht weswegen ich hier war und tappte dabei in eine Falle. In mir stieg es hoch, der 18-jährige Frust entlud sich und ich antwortete ihm klar, bestimmt, mit etwas angehobener Stimme, in der perfektesten THEATER-Bühnenhochsprache: „Ich nehme ihre Anregungen zur Kenntnis, aber seien sie froh, dass ich nicht mehr Interesse an der Arbeit bei der Polizei hatte, denn sonst säßen sie vielleicht nicht hier und ich wäre an ihrem Platz!“ Er holte geschockt Luft und wollte wahrscheinlich antworten. Aber ich fuhr fort: "Und außerdem trete ich freiwillig aus der Polizei mit dem heutigen Tage aus!“

Das war für ihn zuviel. Erst war er empört über meine, für ihn angebliche Frechheit, dann war er zerstört, dass ich freiwillig ausscheiden wollte und er machte sich vielleicht den Vorwurf, dass dies mit seinem Tadel der auslösende Faktor gewesen sei und stammelte: „Ich habe das nicht so gemeint, ich soll das nicht so auf die Waagschale legen, es müsse ja immer mehr Diensteifer gefordert werden, u.s.w., u.s.w.!“

Aber ich erwiderte mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Aber Herr Sowieso, machen sie sich nichts daraus, es betrifft sie überhaupt nicht. Mein Vorsatz von der Polizei wegzugehen war jahrelang geplant und jetzt kann ich ihn verwirklichen, sie haben dabei überhaupt keinen Auftrag. Unser Dienstverhältnis ist zu Ende. Schikanieren sie andere wenn sie wollen. Im übrigen: Wir zwei haben nichts mehr miteinander zutun. Ich habe die Ehre!“

Die letzte Sprachsuada wurde von mir nicht mehr in der Bühnenhochsprache, sondern im gemäßigtem Wiener Beamtendeutsch geführt, das natürlich seine Krönung im letzten Satz hatte.

Das war es. Ich hatte ja meinen ersten Bühnenjahresvertrag in der Tasche. Wie sagt Penizek in der Gräfin Mariza?

„Letzter Akt, letzte Szene, letzter Auftritt, Ende der Rolle!“