HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Charakter und Emotionen..


Ich bin positiv, freundlich, entgegenkommend, habe aber mit Anbiederung nichts am Hut. Da bin ich zu skeptisch und auch etwas argwöhnisch. Den allgemeinen Gesellschaftsformen wohl zugeneigt. Muss dabei auch hie und da etwas hinterschlucken. Aber irgendwo habe ich meine Reizschwelle. Über die sollte man mich nicht hinüber heben oder springen lassen. Obwohl diese mit dem Älter werden schon etwas gesunken ist.

Meine Emotionen reichen von der Spitze des Himalajas bis zum tiefsten Seegraben im Atlantik.

Ich kenne kein Fernweh und kenne daher auch kein Heimweh. In der Kriegsgefangenschaft, sicher nicht der angenehmste Aufenthalt, hatte ich kein Heimweh, wie andere, die furchtbar darunter leideten. Ich wäre natürlich lieber zu Hause gewesen, aber ich musste mich damit abfinden und ich tat es.

Die Emotion zum Mitleid ist bei mir nicht ausgeprägt. Ich kann es mir zwar gut vorstellen, was derjenige empfindet, wenn es andere betrifft. Und ich möchte ihm beistehen und analysiere mir seine Situation. Und ich möchte Ihm helfen. Und vielleicht kann ich helfen. Aber mehr geht nicht. Ein eventueller Ausdruck des Bedauerns oder der Trauer wäre nur Schall. Das Leid allein oder "Mit-" ist auch nur, zwar nicht ganz, aber sagen wir brutal, nur oberflächig. Es ist höchstens ein Gedanken-Mitgefühl.

Bei mir ist Mitleid nicht vorhanden. Leider. Was war Schuld in meiner Vergangenheit? Aber wann und wo?

Wenn ich in eine Situation komme, wo die Emotion mein seelisches Leid ansprechen sollte, empfindet und spüre ich nur die geistige und körperliche Ohnmacht dagegen etwas tun zu können und sinke in das verwerfliche Selbstmitleid und das steigert sich in Zorn und Wut (Achtung!! Jähzorn!!).

Körperliches Leiden durch Schmerz ist etwas anderes.

Ich kenne auch seit Jahrzehnten in den Emotionen keine Tränen.

Die Emotion der Trauer wird, wenn genügend Zeit vorhanden zu einem Denkprozess, der das Andenken und geistiges Erinnern mit sich führt und ist somit keine Emotion mehr. Das sich aber mit Ratio, Vernunft und Grübeln vermengt, wenn es aber Toleranz mit Vergebung mischt, kann es wieder einer Emotion werden, aber das dauert seine Zeit.

Geduld habe ich nur wenig.

Gereiztheit überhaupt nicht. Wenn sie auftauchen sollte, wird sie geschwind der Ratio zugeschoben.

Die Angst ist fasst immer nur ein Schutzwall zum Verhalten in dieser Situation. Außer dem endgültigen Ende, gegen das man ja nichts unternehmen kann. Und das ist keine Angst, sondern eine Art von Furcht, mit der ich jetzt lebe.

Die Begierde sinkt sowohl in sachlichen, als auch in körperlichen Bereichen mit dem zunehmenden Alter.

Eine eventuell vorkommende Verwirrung wird durch meine starke Ratio meistens schnell abgeblockt.

Freude, Gerechtigkeit, Mut und Furchtlosigkeit sind von mir positiv gepflegte und oft empfundene Emotionen. Die ich auch und gerne mit Anderen teile.

Ich bin nicht angeberisch, aber mit der Bescheidenheit hat es sich so auf sich. Sie wird von mir immer als Zeichen eines Erfolges eingesetzt. Vielleicht als Koketterie, aber ich glaube auch als Aberglaube, um das Schicksal nicht zu vergrämen, damit es sich später nicht nach der andren, der Verlustseite zuwendet.

Ein Positivum muss ich erwähnen: Ich habe immer, falls irgendwo oder irgendwie ein Problem aufgetreten ist, welches man landläufig als Fehler oder Fehlverhalten bezeichnet, zuerst "den Fehler" bei mir gesucht. Und dann erst eine andere nichtfunktionierenden Stelle versucht aufzufinden. Wenn ich es damit abschließen konnte, war es gut. Wenn nicht, dann war auch "der Fehler" wieder bei mir.

Im großen und Ganzen halte ich mich an das in Wien gebräuchliche, ich will nicht sagen Sprichwort. Es ist eigentlich eine, im ersten Teil eine Erkenntnis und im zweiten Teil eine Ausrede: "LEBEN UND LEBEN LASSEN!"