HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Wien 1926-1936


Wie war nun meine weitere Kindheit. Wer waren noch erinnerlich die Bezugspersonen. Vor allen Mama und Papa. Warum Mama zuerst. Ich war doch nie ein Mamakind. Aus Höflichkeit? Ja auch.


FOTO: Weihnachten 1930. 4 Jahre. Wir wohnten damals noch bei den Großeltern. Von lks. ONKEL SEIPPEL, PAPA, MAMA, ICH Herwig SULZENAUER, OMAMA, OPAPA.

Aber wie war es mit Papa? Er hatte mich lieb, tat vieles für mich. Aber die Beziehungen waren spröde, doch etwas distanziert. Im Ältersein, so nach der Gefangenschaft wurden sie etwas enger, herzlicher, aber sehr oft von Zusammenstössen und Auseinandersetzungen beeinträchtigt. Von Entscheidungen und Bestimmungen, die ich aber auch, aus den verschiedensten Gründen, nicht eingehalten habe. Auch warum? Ich war ja Majoren, nicht mehr zu Hause, verdiente meinen Lebensunterhalt, hatte meine Nase schon in die Welt stecken müssen, (Krieg -- Front – Gefangenschaft – Polizei ). Er war einer der letzten Familienmachos, würde man heute sagen. Ein Kunstwort von mir: ein Familienrechthabensbestimmender ( Von Duden sogar zugelassen!) Auch mit Gewalt: Zur Strafe knien auf hartem Holz oder Stein. Das lag aber sicher auch in seiner Erziehung und Umgebung zu Grunde. Aber wir waren auch wieder nicht so zerstritten, dass wir uns tage- oder wochenlang nicht gesprochen hätten und uns aus diesem Grund aus dem Weg gingen.

Nur ein einziges Mal war er meiner Argumentation zugänglich. Und das hat mich sehr gewundert. Ich erwartete wieder eine großen Zusammenprall von Auffassungen. Als ich ihm mitteilte, dass ich mich von der Polizei verabschiede und zum THEATER gehe. War doch seine Maxime: Der beste und sicherste Beruf, ist der eines Staatsbeamten. Wie hört sich das heute an? (Er war ja sehr stolz auf sein Berufsmetier.)

Meine Mama tat alles für mich. Sie liebte mich sehr. Opferte sich auf. Sie wollte mir immer mehr geben. Ich sollte mehr haben. Das lag sicher in ihrer Jugend. Sie wurde von ihrer Mutter als Pflegekind zu einem Kleinhäusler oder Kleinbauer ins tiefste Waldviertel abgegeben. Sie musste dort auf alles verzichten. Auf Wärme, Liebe, Geborgenheit. Sie sprach nicht viel darüber. Aber Einiges konnte ich heraushören. Dabei hatte sie in der Schule lauter „Sehr gut“. Ich habe ihr Zeugnis noch. Sie wollte gerne Lehrerin werden. Aber wer sollte es bezahlen. Sie arrangierte sich später mit ihrer Mutter. Ich weiß nicht, ob sie ihr böse war. Wir wohnten ja zusammen in einer Wohnung. Aber trotzdem konnte ich mich auch mit ihr nicht aussprechen. Aber das lag sicher an mir.

In meinem Kindheitskreis war auch die erwähnte Großmutter. Sehr fleißig, arbeitsam, obwohl sehr krank. Das jüngste Enkerl, der Herzbub: Herwigerl! Dann ihr Ehemann. Freundlich, korrekt, aber keine Beziehung.


FOTO:(Ca. um 1937) 11 Jahre. Wiener Umfeld. Stehend von lks. ONKEL GUSTL K., ICH Herwig SULZENAUER, PAPA. Sitzend von lks. HERTHA K., MAMA, OMAMA, OPAPA, TANTE HERMA K., GRETEL (ein Verwandten-Besuch aus Deutschald, Dreschöde bei Iserlohn), ISA K. K.=KÖHLER .

Aber über diesen und den anderen Verwandten in Wien war der Patriarch der Familie. Der Gatte der Schwester meiner Großmutter, der Tante HERMA: Der Onkel GUSTL. in der Hägelingasse 1, Regierungsrat im Bundeskanzleramt. Kassier beim Wiener Galopp-Renn-Verein . Sein Wort hatte Gewicht. Nur meine Mama widersetzte sich. Er wollte, da er deutschnational war, (von Nazi noch keine Rede), dass ich auf den Namen Wolf-Dieter getauft werden solle. Mama widersprach. Aber Herwig ist es doch geworden. Ist ein schöner Name. War sehr zufrieden mit ihm.

Tante HERMA hat in den späteren Jahren behauptet, Kammersängerin GUNDULA JANOWITZ sei mit uns verwandt. Frau JANOWITZ einmal befragt verneinte es, aber die Begründung bezog sich auf einen, von mir später erfahrenen vermutlich selben Stammort. Und jetzt habe ich sie noch nicht getroffen, obwohl wir nur ca. 15 km voneinander wohnen.

Bei den Töchtern von Onkel GUSTL und Tante HERMA, ISA (Dr. Phil.) und HERTA habe ich Nachhilfestunden in Latein genommen. Hat auch nichts genützt.

Nicht zu vergessen den Onkel SEIPEL (JOSEF)., einem Halbbruder meiner Mama. Mit dem bin ich viel spazieren gegangen. War er doch arbeitslos. Er war sicher der letzte Sozialdemokrat. (AUGENBLICKE: Bürgerkrieg) Er nannte seinen Hund PIFFEL. Der war auch dabei.


FOTO: Weihnachten 1936. Zu Besuch bei den Großeltern. Alle wären ja schon bekannt. Auf der re. Seite ONKEL SEIPPEL und TANTE MIZZI (Papa beobachtet immer gespannt, ob das Magnesium-Blitzlicht auch losgeht.) Noch bin ich der Kleinste. Herwig SULZENAUER.

Mit seine späteren Frau der Tante MIZZI kamen noch die Liesinger VORRATHS hinzu. Der HANSI, ihr Sohn, in meinem Alter, wir waren Spielgefährten, wurde Obersenatsrat und rechte Hand vom Bgm. GRATZ. Ich ging einige Mal, im Wiener Rathaus bei Sitzungen des Städtebund-Theaterverbandes an seinem Büro vorbei, aber hatte nie Zeit, einmal hineinzuschauen.

Seine Mutter brachte mir, als ich aus der Kriegsgefangenschaft mit dem Zug von Wr.Neustadt nach Wien fuhr und dieser in Liesing hielt, etwas zu Essen und zu Trinken an den Waggon.

Außer einer Halbschwester meiner Mama, der Tante FRIEDA und ihrem Mann, einen Dentisten, ist noch die Schwester meines Papas zu nennen. TANTE JOSEPHA ( PEPI ), von der ich meinen dritten Taufnamen Josef habe. Sie war Berufshaushälterin und gelernte Köchin und wechselte so in ganz Österreich die Arbeitsstelle. Sie war meine Taufpatin in Wien.

Aber die Wiener Familie traf sich oft und machte gemeinsame Ausflüge, eher Spaziergänge zu Vorstadtgasthäusern, Spielplätzen, Kirtagsveranstaltungen, die nicht nur in Breitensee gang und gäbe waren. Einmal, an das erinnere ich mich noch: Nach Schönbrunn-Palmenhaus und beim Eingang Schönbrunner Tor ein Fonograph: Ich stehe mit einem Luftballon davor.

Das war so in den Kinder- und Schultagen meine Familienumwelt in Wien.