HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Wattener Lizum 44


Ich habe von ihm schon erzählte. Vom General LINDNER, unserem Oberkommandierenden.Dazu möchte ich nur bemerken, dass es nicht sicher, dass er so heißt. Denn falls wir zur westlichen Abteilung gehört haben, dann hieß er STURT. Spielt aber in allen Kapiteln davon keine Rolle. Und ein General hat sich trotz großer Jovialität einem Jungschützen nicht vorgestellt. Ich hätte sicher auch seinen Namen vergessen.

Also zur Geschichte: Wir waren in der Wattener Lizum zum Scharfschießen und zur Abschlussprüfung für das leichte Infanteriegeschütz als Geschützführer, Stellungs- Unteroffizier und Richtkreis- Unteroffizier. Dem voran ging nach einer Bahnfahrt bis Jenbach, ein langer und beschwerlicher Marsch bis hinauf zum Truppenübungsplatz , der noch heute in Betrieb ist. Ich war auf diesen Hatscherer als Führer der Tragtiergruppe eingeteilt und hatte, nachdem die Würschtel belanden waren nichts zu tun, als mitzumarschieren. Bitte da wir im Gebirge waren, aber nicht im Gleichschritt.

Während des Weges holte mich ein Oberfähnrich ein, der zur gleichen Abschlussprüfung, und die als I.G.-Zugsführer, mit uns hinaufmarschierte. Er erzählte, dass er auch einmal Jungschütze gewesen sei und vor seiner Leutnantsprüfung zu den Gebirgsjäger übergewechselt sei. Die nahmen ihn aber nur, wenn er sich als Spezialist für schwere Waffen ausbilden ließ. Ich selbst sollte an der Front erleben, dass Offiziere in den Leutnantsrängen sehr rar waren. Nach einigen Tagen wurden sie verwundet oder fielen, und standen so der Truppe nicht mehr zur Verfügung. Habe ich doch von November 1944 bis Mai 1945 meistens den I.G.-Zug selbst geführt.

So waren wir also nach stundenlangen Marsch bei den Unterkünften des Truppenübungsplatzes angekommen und bezogen unsere Unterkünfte. Viele streberten noch für die Prüfung. Ich aber legte mich schlafen und stärkte so mein Gedächtnis.

Am nächsten Tag bauten wir die Geschützstellungen auf und arbeiteten mit den Zielgeräten u.s.w. Da erschien plötzlich mein General aus der Alpe Rautz. Ich war gerade am Geschütz und stellte die Schusswerte ein, die vom Beobachter durchgegeben wurden. Es gibt da einiges, ich will sie nicht belästigen, aber es ist klar, dass ich z. B. ein Ziel im Flachfeuer und auch im Steilfeuer unter Umständen erreichen konnte. Dies ist eine Sache der Ladung, und die Entfernung spielt auch eine Rolle. Ich schaltete gerade "eigene Truppen in der Schusslinie" aus, so war der technische Ausdruck. Die Libelle, ein Teil des Zielgerätes, wurde etwas gedreht, dadurch wird das Höherfliegen des Geschosses veranlasste, ohne die übrigen Daten verändert wurden. Und gab schneidig durch „Eigene Truppe ausgeschaltet“. Natürlich waren wir alle sehr nervös, dass wir keine Fehler machten, denn das konnte heißen, das du noch ein Jahre hier herumkrebsen musstest; oder noch schlimmer, dass du als Schütze Arsch an die Front abkommandiert wirst.

Da baute sich der General neben mir auf und fragte ganz hinterfotzig: „Und wie schalten sie die Sonne aus?“ Da geht ja nicht, das ist nicht möglich. Aber ich antwortete, schlagfertig (goschert) wie ich schon war: “Indem ich eine Sonnenbrille aufsetze!“ Wie fasste er es nun auf. Damals war ja so eine Antwort eine Frechheit. Aber mein General lachte und freute sich, dass ich meiner Hofnarrenrolle wieder einmal gerecht worden war. Und gab mir, sofort das Bestanden der Prüfung bekannt.

Man hört heute, dass preußische Offiziere stur waren und keinen Spaß duldeten. Wie man sieht, gab es auch Ausnahmen.