HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Tod im Dom 71



Es war kein Dom. Es war die Stiftskirche von Lilienfeld in Niederösterreich. Es gab auch keinen Toten. Man erschrak nur. Es war nur „erschröcklich“.

Wir spielten von Stadttheater St.Pölten zu Beginn des Sommers 1972 in Lilienfeld, so heißt dieser Ort vor der Stiftskirche den Jedermann. Bei Regenwetter konnten wir in die Kirche ausweichen. Vor dem Altar war eine Ersatzdekoration aufgebaut. Als Garderobe diente die Sakristei. Wir zogen uns dort um und gingen durch die dämmrige Kirche, es drang ja nur das Außenlicht durch die farbigen Butzenscheiben und gaben eine düstere unwirkliche Stimmung im Kirchenschiff wieder. Ich inszenierte dieses Stück schon zum zweitenmal und spielte wieder den Tod.

So zog ich in der Garderobe einen aus dehnbarem Stoff, auf dem mit fluoreszierender weißer Farbe vorne aufgemaltes menschliches Skelett zu sehen war, an. Und bevor ich einen aus Plastik bestehenden Totenkopf als Maske aufsetzte, musste ich noch meine Augenhöhlen schwarz schminken, dass diese durch die offenen Totenkopf-Augenhöhlen von Publikum nicht zu sehen wären. Als ich fertig war ging ich durch das dämmrige Seitenschiff zum Eingang der Kirche, wo eine Probe stattfand.

Plötzlich kamen mir aus der herrschen Dämmerung zwei Personen entgegen, ich stockte, da sie mir bekannt vorkamen, auch diese hielten kurz inne und schauten mich auch kurz an, ich glaube schon, dass sie erschraken, aber ich ging dann schnell weiter, denn ich durfte meinen Auftritt nicht versäumen. Da fiel mir ein, wer die Beiden waren. Es war der Dr. Helmuth ZILK mit seiner späteren Frau Dagmar KOLLER. Dr. ZILK,er zeigte seiner zukünftigen Gattin die Stätte seiner Jugend und so auch die Stiftskirche Lilienfeld.

Obwohl ich beide später einmal persönlich traf und ein Gespräch führte, war keine Gelegenheit diese Episode zu erwähnen. Vielleicht ergibt es sich jetzt einmal.

Dr. ZILK verhandelte informativ mit mir bei den Spitzbuben in Beisein von KR KLEIN (Almdudler) über eventuelle Teilnahme der Bundesländertheater an der Erstellung des Fernsehprogramm nach seiner Ernennung zum Generalintendanten, aus der ja, aus welchen Gründen immer, nichts wurde. St. Pölten sollte seine Märchen dann in Wien im ORF in Fernsehdekorationen und sonstigen Aktionen abspielen und außerdem Volksstücke beisteuern. Auch musikalische Lustspiele, die ja von mir in St.Pölten schon gepflegt wurden, mit einem Stargast aufputzen, den der ORF bezahlen würde. Diese sollten im St. Pöltner Stadttheater aufgenommen werden.
Dagmar KOLLER lernte ich außer in Lilienfeld, einmal in Wien anlässlich eines Empfanges nach einem Bundesländer- Theatertreffen beim Heurigen kennen, wo sie an meinem Tisch an dem auch die Intendanten Dr.NEMETH aus Graz, Dr.ZEILLINGER aus Linz und aus Salzburg saßen, mit den sie über ihr Engagement bei ihnen plauderte.
Ja, stellen Sie sich vor. Sie gehen in einer dämmrigen Kirche und begegnen einem Todesgerippe mit Schlapphut und wallenden schwarzen Mantel.