HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Stachanow Norma jest 47

Stachanow-Arbeiter
Schon während der Kriegszeit um 1940 und auch später wurde in Österreich, also in meinem größeren Umkreis, wenn einer viel oder schnell arbeitete immer der Witz gemacht, er sei ein Stachanow-Arbeiter. Dieser Begriff kam aus der damaligen Sowjetunion, welche die Arbeit als eines der größten innenpolitischen Ziele in ihrem Parteiprogramm hatte. Da man nun die Arbeit als Propaganda auch aufwertete, dazu kam ja und das war ja irgendwie sozialpolitisch fortschrittlich das „Recht auf Arbeit“, musste sie messbar gemacht werden.

Ich möchte hier betonen, dass ich dieses Wissen nicht irgendwie studiert hatte, sonder in der Russischen Kriegsgefangenschaft hautnah nicht nur miterlebte, sonder mich und meine geleistete Arbeit auch betraf.

Beginnen wir ganz am Anfang. Dieser Herr Stachanow war ein Arbeiter, vielleicht Ingenieur in einem Kohlenbergwerk. Er schien doch irgendwie Zeit gehabt zu haben, denn er verfasste das sogenannte Normenbuch, in dem die zu leistenden Arbeiten aufgelistet und mit Prozentpunkten versehen wurden. Das war für die sowjetische Propaganda sehr wichtig, denn die konnten dann verkünden: Der Betrieb hatte sein Soll (so hieß die vorgegebene Arbeitsleistung) 100 %, oder so ähnlich, erfüllt. Der Arbeiter XX auf der Kolchose hatte seine Norm, auch dieser Begriff ist den Soll gleichzusetzen, nur zu 80 % erfüllen, Schuld daran waren die schlechte Witterung und so weiter, und so weiter.

Die große Arbeitermasse, zu der auch wir Plennis (Kriegsgefangenen) gehörten, sah diese sogenannte Norm- und Stachaonwgeschichte als Antreibung zu größeren Arbeitsleistung. Und so ging es auch manchen Natschalnik. Die Leiter von Arbeitsstellen wurden so genannt. Auch waren viele von ihnen mit dem echten Stachanowarbeitsbuch nicht vertraut. Gaben willkürliche Prozente, natürlich zu wenige und halfen so indirekt den Staat zu sparen, denn nach diese Prozenten wurde bezahlt und auch das Essen zugeteilt.

So ging es auch mir. Im letzten Gefangenenjahr 1947 arbeitete ich auf einem Neubau, er sollte eine Schule werden, in einer Malerbrigade und wir konnten über 60 – 80 % nicht hinauskommen, obwohl wir unser Bestes gaben. Man hatte mich sogar zum Brigadier dieser Malaragruppa, so nannten sie uns (ob dies russisch war, habe ich nie erfahren), gemacht. Das war der Leiter der Brigade, (jede Profession , war eine Brigade, wie zum Beispiel: Maurer, Tischler, Schlosser, Zimmerleute, Elektriker ect.,ect.), und hatte die Aufgabe mit dem vorhin genannten Natschalnik abzusprechen, was, wann und wo gemacht werden sollte.

So war ich nicht nur an meinem Arbeitsplatz verhaftet, sondern kam auf dem ganze Bauareal der Schule herum. Und so auch einmal in die russische Bauhütte, in der niemand war und ich beim Herumschauen ein mit Schreibmaschine in unserer Druckschrift, also nicht auf zyrillisch, sondern auch auf deutsch geschriebenes gebundenen Manuskript stieß. Ich sah Prozente, Angaben von Arbeiten, Quadratmetern, Längenmaße und so weiter. Ich machte saprali, steckte es ein und nahm es in meine Unterkunft am Abend mit.

Bei Studium dieses Manuskriptes staunte ich nicht schlecht. Es war eine Übersetzung des Stachanow Normenbuches in deutscher Sprache für die Sparte Hochbauarbeiten. Alles bis auf das Kleinste beschrieben.

Wir haben bisher die Arbeit, z.B. die neue Decke und Mauer gekalkt, dann mit Farbe angestrichen (mit einem aus getrockneten Schilfblättern zusammen gebundenen und dann längs geschlitzt zu einer Art Pinsel mit einem kurzen Holzstiel versehenen von uns konstruierten Gerät), unten einen farblich marmorierten Sockel (mit zusammengelegten groben Erdäpfelsack gerollt, von und gerholt aus dem Magazin) versehen und oben vielleicht noch einen Abschlussstrich gemacht. Dazu mussten wir das Material, die Grundarbeitsmittel von den Schilfblättern bis zu den Farben herbeischaffen, die irgendwo gelagert waren. Die Kreide war feucht und zu großen Klumpen zusammen geklebt. Diese musste außer transportiert, getrocknet, dann zerkleinert werden, denn so konnte man sie nicht verarbeiten, u.s.w. Das hatte wir bisher als selbstverständlich zu unserer Arbeit gehörend betrachtet.

Aber nun las ich für jede dieser Vorarbeit gab es Normen, z.B. die Größe des Klumpens, die zu transportierende Strecke und dazugehörenden Prozente. Und außerdem kam ich darauf, dass die Russen bei Abschlussstrich ziehen, den Trick der geraden Linie durch eine gespannte Schnur mit trockener Farbe versehen, am Anfang und Ende an die Wand gehalten, gespannt und wie eine Bogensehne an die Wand geklatscht, nicht kannten. Sie mühten sich redlich, von Zeit zu Zeit den Abstand von der Decke messend, mit einem harten Lineal um seinen geraden Abschlussstrich. Die kamen auch tempomäßig mit unseren selbst hergestellten biegsamen Linealen nicht mit. Die laufenden Meter des Abschlussstrichziehens waren dadurch sehr hoch bewertet, das heißt es gab viele Prozente. Nun war nur damit beschäftigt alles genau zu dokumentieren und aufzuschreiben und wenn ich wirklich noch Zeit hatte, zog ich noch einige Abschlussstriche und wieder ein paar Prozente mehr waren auf dem Arbeitskonto meiner Maler-Brigade.

Wir erreichten bis zum Abtransport in die Heimat immer die Höchstanzahl: 126 %. Das hieß wir bekamen um 20 % mehr Chlebb. Das heißt Brot. Und das Lager bekam mehr Rubel. Denn die Baustellen mussten für die geleistete Arbeit bezahlen. So waren alle zufrieden. Wir bekamen mehr zu essen, was sehr wichtig war, denn um die Jahreswende 1945/46 hatte mit meiner Größe von 1,95 m nur 50 kg und bei meiner Ankunft in Wr. Neustadt im Oktober 1947 immerhin schon 76 kg. , und die russische Lagerleitung bekam mehr Geld.

Da war „Alles in Ordnung!“ Oder wie der Russen liebster Spruch zu uns, außer „skoro damoi!“ („Bald nach hause!“)war. „Sfe paratki, otschim choroscho!“ („Alles in Ordnung, sehr gut!“).