HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Russisches Rendezvous 47


In Nowozybkow hatte ich bei den Konvois auch zwei Wiener Freunde, die so wie ich alle Dienste, sei es auf der Baustelle oder auch bei der nächtlichen Magazinsüberwachung leisten mussten. Sie hießen Herbert und Franz. Die Namen stimmen, aber die Familiennamen werden sie nie erfahren.

Herbert hatte bei so einer seiner Skladüberwachungen ein russisches Mädchen kennengelernt und mit ihr, wenn er Wache hatte, sehr stark geflirtet. Und das ging einige Zeit ganz gut so. Die Beiden wussten sich zu verstecken und ihre Liebe kam so nicht ans Licht.

Doch eines Tages. Ich weiß nicht mehr aus welchem Grund wurde der Dienstplan umgestellt und Franz kam zu dem Magazin bei Herbert sich immer mit seiner Liebsten traf und Herbert musste ganz entgegen irgendwo an den Stadtrand. Herbert und Schura, so hieß seine Liebste hatten aber für diesen Tag und Zeit an der dann Franz seinen Überwachungsdienst dort hatte, eine Rendezvous, ( so verstanden es auch die Russen) ausgemacht. Herbert konnte sie nicht mehr verständigen.

Und als nun Franz seinen Dienst dort angetreten hatte, kam nach einiger Zeit Schura. Sie konnte Herbert nicht finden, sah Franz, den sie auch kannte und wollte wieder gehen. Aber nicht bei Franz. Mit seinem echten Simmeringer Charme, vielleicht auch etwas mit Hin – und Herzerren versuchte er sie zurückzuhalten, um vielleicht die Stellung Herbert auszufüllen, wer weiß es. Man vermutete es, denn es kam ans Licht. Und zwar so. Durch diesen russisch-ländliche Liebes-Vor-Watschentanz ( Fensterln war ja in Russland dort nicht bekannt), und andere Liebesgunstbezeugungen gab es nicht und durch die flüsternden, teilweise auch lauteren Beteuerungen, teils, „Ja lublju tiber“ ( „ Ich liebe dich“ vom Franz) und teils „ Idi, ja lubju Gerbert“ („ Geh, ich liebe Gerbert“ von Schura) waren den umliegenden Bewohner aufgefallen, hatten sie gehört und verständigten die Milizia ( Polizei), wahrscheinlich wegen Ruhestörung.

Die kam und fand beide im Liebes- Catch as catsch can, nahm Personalien auf und verständigte nächsten Tag die Administration des Kriegsgefangenenlagers. Das war ein Hallo, als wir das erfuhren, denn die Russen sind ungeheure Tratschweiber und erzählen alles, wenn es nicht gerade gilt den vaterländischen Eindringling abzuwehren.

Was die beiden getan hatten, war eigentlich nicht verboten, aber erlaubt war es auch nicht. Und so musste nun eine Verhandlung im Lager unter dem Vorsitz des Lagerkommandanten Gardemajor Alexjew stattfinden.

Herbert und Franz waren nun spinnefeind, gingen sich aus dem Weg, obwohl sie in der Stube nebeneinander schliefen. Dazu sei aber gesagt, dass wir, lassen sie mich kurz nachrechnen, keine zwei Jahre nach dieser Affäre uns in Wien beim Franz in Simmering auf einen Kaffee trafen und über diese Zeit nur mehr lächelnd sinnieren konnten.

Was wird mit Herbert, Franz und Schura geschehen? Werden sie bestraft? Kommen die ins Gefängnis? Oder in ein Arbeitslager für Asoziale? ( Der Ausdruck war auch in Russland üblich.)

Also kam es zur Verhandlung. Die Drei waren vorgeladen, alle freien Konvois auch und am Tisch des Vorsitzenden saß jeder Zoll ein russischer Fürst und Großgrundbesitzer, Herr über Leben und Tod seiner Leibeigenen, die es aber zu dieser Zeit nicht mehr gab, Gardemajor Alexjew. Auf er einen Schmalseite des Tisches der russische politische Offizier, der Politruk („ Sie sind keine Osterreicher“), auf der anderen Seite der Kriegsgefangenen Antifa Führer, der quasi als Verteidiger fungierten sollte, wie der Politruk als Ankläger. Und gerade der Antifaschistische Führer des Lagers, eine Kriegsgefangener wie wir, benahm sich wie Machiavelli und Freißler in Person, der ritt die Drei immer tiefer hinein.

Der Ablauf der Verhandlung war ein bisschen chaotisch, man sprach russisch, antwortete auf deutsch, begann russisch, schwenkt, dann wieder auf deutsch ein und so weiter durcheinander. Bis diese Fragen und Antworten überdeckten, alles lauter wurde und kein Wort mehr zu verstehen war.

Da schlug Gardemajor Alexjew mit der Hand auf den Tisch, und sagte, der bisher kein Wort gesprochen und nur zugehört hatte, laut bestimmt: „Stjicha!“ .(„Ruhe!“) Dann von ihm die Frage an Franz: „Franz skolko let?“ (Wie alt bist du?“) Franz: „Dwazetdwa!“ („Zweiundzwanzig“) „Gerbert, skolko let?“ Herbert: „Dwazetdwa!“ „Schura , skolko let?“ Schura:“Dwazetadin!“ („Einundzwanzig“). Dann mit einem Blick über die Brille, er hatte zwar keine auf und weise, weise wie der Nathan bei dem Schluss seiner Ringparabel: „Dwazetdwa, dwazetadin, - molodoi. Idi!“ („Zweiundzwanzig, einundzwanzig, - jung. Geht!“) Auch das war Russland.