HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Russische Kartoffelernte 46

„Von Russland, dem Großen, du weißt nicht was los ist...“. Die ersten vier Worte war die deutsche Übersetzung der russischen (sowjetischen) Staatshymne, die wir Kriegsgefangene beim Morgen- und beim Abendappell zu singen hatten. Es würde richtig weiter gehen mit „auf ewig verbündet,“ aber wir sangen schon hie und da die erstgenannten Abweichungsversion.

Warum? Erstens erfuhrst du nie etwas. Ist ja klar. Du warst ja Plenni, Kriegsgefangener, was brauchtest du zu wissen. Aber auch die dort beheimatet Lebenden wussten nie etwas Konkretes. Ich will mich nicht ins Politische einmischen. Ich will ja nur von AUGENBLICKEN
(Erlebnissen) erzählen. Und so ein Augenblick war die missverstandene Auslegung einer Stachanow Norm durch einen russischen Natschalnik. So hießen die Arbeitsleiter dort. Dass diese Arbeitsnormen Abweichung falsch war, erfuhr ich erst ein Jahr später (Link. Stachanow*), aber damals ahnte ich, dass diese Arbeitsweise nicht im Interesse des Arbeitgebers, d.h. die U.D.S.S.R. sein konnte.

Was war? Das halbe Lager in Nowosybkow, ca 300 Plennjis, ich war dabei, wurde mittels russischen (amerikanischen) Armeelastwagen, wir standen, wie Sardinen geschlichtet auf den Fahrzeugen, in die Gegend von Brjansk gebracht, um dort Kartoschki (Erdäpfel) zu ernten. Das besagte Feld begann an einer wenig befahrenden Landstraße, war ca. 600 m breit, lag zwischen zwei gerade abgrenzenden Wäldern, und das Ende war nicht zu sehen. Die Zeilen liefen in einem Abstand von ca. 1 m parallel zu den Waldgrenzen. Wir sagten die zu erntenden Zeilen,eine geometrische Gerade, sie enden in der Unendlichkeit. Das zum Verständnis und auch nebenbei.

Es waren dort auch ca. 300 russische Arbeiter und Arbeiterinnen, wahrscheinlich aus den umliegenden Kolchosen, wie wir durch Lkw hingebracht. Ein Teil der Kfz. blieb zurück, um wie wir später erfuhren, die geernteten Kartoffel weg zu bringen.

Das Kartoffelkraut war größtenteils weggebracht und die Zeilen durch die Kartoffel Erntemaschinen schon durchgearbeitet. Der rechte Teil dieses Feldes war uns überlassen und im linken arbeiteten die Russen. Die Maschinen hatten schon einige Erdäpfel herausgeschleudert, aber die große Masse der Früchte war noch unter dem gelockerten Erdreich. Jeder hatte eine Zeile und so begannen wir aufzuklauben und in der Erde nach weitern Erdäpfel zu suchen. Einen großen Korb zogen wir hinter uns nach, in dem die geernteten Bramburi hinein kamen. Wenn der Korb voll war, wurde er zu dem dort wartenden Lkw. gebracht. Wenn der Lkw. voll war, fuhr er die Kartoffel zu einer Sammelstelle.

Es war so ca. eine Stunde vergangen, als ein Natschalnik auftauchte und uns Kriegsgefangenen beschimpfte, dass wir zu faul sind, nichts arbeiteten und dadurch die sowjetische Volkswirtschaft schädigten. War war geschehen. Wir, die Kriegsgefangenen hatten uns 150 – 200 m in den Erntebereich vorgearbeitet. Aber die Russen hatten schon 400 – 500 m hinter sich gebracht. Das seien echte Stachanowaktivisten und wir sollten uns ein Beispiel nehmen. Wir seien zu faul und wenn wir uns nicht beeilten, würden wir alle in den Karzer (Gefängnis) kommen. Dem nun folgenden Palaver, wir würden auch die nicht sichtbaren Kartoffel aus der Erde holen und von unserer Erntestrecke waren schon sechs Lkw., mit von uns geernteten Kartoffel abgefahren und von den Russen nicht einmal zwei, den die sammelten nur die sichtbaren Früchte ein, schenkte er kein Gehör, sonder er tobte und wütete gegen die faulen Plennys und drohte, sogar mit Erschießen, wenn wir nicht bald die Russen streckenmäßig eingeholt hätten.

Wenn er es so will. Wir marschierten, kümmerten uns nicht mehr auf die in der weichen Erde legenden nicht sichtbaren, sammelten nur die sichtbaren Früchte ein, hie und traten wir versehentlich auch auf eine sichtbare. “Oh Entschuldigung!“ Die verschwand in der Erde und so hatten wir unsere Stachanow Vorbilder bald eingeholt.

Alle waren nun zufrieden, der Natschalnik, weil wir auch so schnell waren, wie seine Stachanowaktivisten, die Russen, weil es keinen Vorwurf gab, sie wären nicht gründlich genug, die Lkw- Chauffeure, weil sie nicht so oft fahren mussten und schließlich auch wir, den wir mussten uns nicht so oft bücken und in der Erde herumwühlen, um einen verborgenen Kartoffel noch zu finden.

Aber das diese Arbeitsweise das gepriesene Stachanowsystem sein solle, da stiegen uns schon einige Zweifel auf und wir machten weiter blöde Witze darüber. Ja, „Von Russland, dem Großen, da weiß niemand was los ist!“ Nicht einmal die eigenen Natschalniks.
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