HERWIG LENAU
Eine Bilanz

REYER als Jason 60

In den 50er und 60er Jahren hatte ich die Möglichkeiten viele Generalproben der Wiener Theater zu besuchen.

So auch die des Burgtheaters. Diese Generalproben war ein Treffen aller am Theater interessierten, vom Liebhaber mit Verbindung zu den Karten, von Kritikern die sich die Vorstellung vorher auch noch anschauten bis zu den Schauspielern und Schauspielerinnen, sowie den zur Zeit nicht probenden Regisseuren, Dramaturgen aller Theater und auch dessen Direktoren.

So war es auch im Jahre 1960. Generalprobe zu Grillparzers Trilogie: Das goldene Fließ. Der Gastfreund, Die Argonauten und Medea in einem Abend.

Der Zufall wollte es, das wir im Theater „In der Josefsgasse“ Medea einige Zeit vorher gespielt hatten. Ich spielte den Jason.

In der Burg WALTHER REYER als Jason. Falls ihn jemand von der jüngeren Generation nicht kennen sollte. Nach dem Wechseln von Fred LIEWEHR in das Charakterfach war Walter REYER in den 50-er und 60-er Jahren, der jugendliche Held des Burghtheters und alle Mädchenherzen zwischen 16 und 60 flogen ihn nur so zu. In dieser Inszenierung war noch der Drache zu sehen, mit dem Jason kämpfte und auch siegt. Aber das Ungetüm auf der Bühne schepperte und knarrte und quietschte, wie es eben mechanische Teile so an sich haben. NB. Häusermann hat diese Szene sofort nach der Generalprobe gestrichen. Denn alle Generalprobenbesucher lachten dabei, wie bei einem geglückten Lustspiel.

In der großen Pause zwischen Die Argonauten und Medea, das Pausenfoyer war gefüllt von Wiens Theaterelite und es brodelte und kochte, ob der richtigen und guten Darstellung besonders von HEIDEMARIE HATHEYER als Medea und WALTHER REYER als Jason. Da plötzlich dieses Stimmengewirr übertönend erscheint Frau DR. EISNER; eine Kritikerinnenepigonin des klassischen Theaters, korrespondierendes Mitglied der Shakespeare- Royal–Compagnie Stratford-upon-Avon, einzige Beobachterin von klassischen Theateraufführungen in den U.S.A. in Chicago, usw., usw. und rief mir auf eine Entfernung von ca. 50 Meter zu: „Herr Sulzenauer ich gratuliere Ihnen, Sie waren genau so schlecht wie der Walther Reyer!“

Das ganze Foyer schwieg. Erstaunt über Frau Dr. EISNERS Spontanauftritt oder über meine künstlerische Leistung. Denn diese Rolle hat es in sich und bis heute konnte ich noch keine positive Beurteilung von irgendwem oder von irgendwoher finden. Walther Reyer und ich wurde später Freunde und ich erzählte ihm auch dies. Wir haben noch 20 Jahre nachher darüber gelacht.