HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Marmarosch Sziget 47

Eines meiner letzten „Streiche“ in der russischen Kriegsgefangenschaft ereignete sich während der Heimfahrt nach Österreich. Nach dem wir Kolomea*) ( ich habe drüber berichtet) verlassen hatten, fuhr der Zug mit uns allen Marmarosch Sziget an. Ich weiß nicht ist die Stadt ungarisch oder rumänisch, damals war sie russisch. Es war ein Muster-Entlassungslager in dem wir noch politisch geschult, nackt gebadet und nochmals nach Läusen untersucht und die berühmte russische Kräftigkeitsskala ( perve = 1., ftaroy = 2., tretia = 3. und o.k. = von uns mit „ ohne Kraft“ übersetzt und zum Schluss "Distrophie 1., 2., 3.) das brauch ich nicht zu übersetzen, denn diesen Ausdruck finden sie im Tschyrembel, dem medizinischen Handbuch, das heißt: völlige Entkräftung und mit 50 kg war ich Distrophie tretia)) überprüft wurde. Immer wurde uns beteuert, dass wir nach hause fahren werden und es kein Gerücht sei.

Bei einem der unzähligen Appelle war das Lager Klincy, von dort kamen wir, angetreten. Zuerst wurden wir aufgefordert, dass sich einige Männer melden sollten, um die bereits seit 3 Wochen in der Bäckerei arbeitenden gefangenen Soldaten ablösen sollten, damit auch die nach hause kämen und die sich melden, werden sicher in 3 Wochen nach hause geschickt. Wir haben von diesen und ähnlichen Versprechen in der Gefangenschaft schon genug gehört und wollten, dass wir nicht wieder zum Narren gehalten würden und es meldeten sich keiner von den 300 bis 400 Plenjis. Da ging ein deutscher Oberkoch oder Oberbäcker unsere Reihen entlang und bestimmte die einzelnen Ersatzmänner.

Ich stand etwa inmitten des angetretenen Blockes. Er kam von hinten und ich sah, dass er sich auf schlecht aussehenden Soldaten konzentrierte. Da ahnte mit Furchtbares. Ich mit meinen 1,95 und 67 kg schaute sicher nicht wie ein Schwergewichtler aus und schon war er in meiner Höhe und zeigte auf mich. Die von ihm angezeigten mussten aus der Reihe treten und wurden dort von einigen Konvois dieses Lagers zu einem neuen Swod (Zug) zusammen gestellt. Als er auf mich gezeigt hatte, ging er weiter.

Was mach ich? Ich sah von der Seite, dass seine Konvois mit dem Einfangen zu Zusammenstellung des Zuges beschäftigt waren. Sofort nahm ich meine Pelzmütze ab, wurde um einen halben Meter kleiner und schwindelte mich in ein von einem früher aufgerufenen Plenni nach rückwärts auf dessen Platz. Von den Lagerleuten wurde das nicht bemerkt, aber die Umstehenden Lagerkameraden zerplatzten fasst vor zurückgehaltenen Lachen.

Nach dem Wegtreten fielen die über mich her. „Wie hast du das gemacht?“ „Auf einmal einen halben Meter kürzer?“ Ich habe gar nicht so schnell schauen können!“ „Auf einmal warst weg, verschwunden!“ „Auf einmal steht neben mir auf dem leeren Platz ein Kleiner, ich schau hin, da war`s der Lange mit weichen Knien!“ „Du bist ein Zauberer!“ Na ja das war ich nicht; aber was macht man nicht alles um nachhause zu kommen.

Ich habe aber von einem Anderen, der auch in unserem Lager war, aber bei dem Abmarsch in die Heimat noch in einem Waldlager arbeitete und erst später nach Marmarosch Sziget kam, erfahren, dass er zu den Ersatzbäckern gekommen war und wie versprochen 3 Wochen später nach hause durfte. Aber wenn ich es auch schon damals gewusst hätte, ganz freiwillig, auch auf Befehl wäre ich nicht dort geblieben. Auch um die drei Wochen hätte ich gekämpft wie ein Löwe. ( Ist ja mein Sternbild.)