HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Maria Stuart und die Eisenbahn68



Maria Stuart und die Eisenbahn 68

Es gibt Schrecksekunden bei den Schauspielern auf der Bühne. Zum Beispiel man vergisst den Text und versteht die Souffleuse nicht. Oder der aufgeklebte Bart hat sich einseitig gelöst. Oder der Partner schaut einen plötzlich hilfesuchend an. Was braucht er? Text, oder ein wichtiges Requisit? Oder man geht nach dem zweiten Akt nach Hause, verabschiedet sich wie gewöhnlich und merkt nicht, dass der Vorhang schon oben ist und die Zuschauer sehen zu. Oder der Vorhang geht hoch und der Eiserne ist noch nicht oben. Das ist aber das Geringste, denn das merkt das Publikum nicht.

Ist aber passiert am Wiener Burgtheater in den 60-er Jahren, ich weiß nicht mehr, war es beim „Weibsteufel“ oder bei „Atilla als Medlody“. Und das Schönste. Die Schauspieler merkten es auch nicht, denn zwischen Vorhang (imprägnierter Stoff) und den Darstellern war ein schwarzer Schleiervorhang, der die Sicht zum Publikum versperrte. Die Souffleuse konnte, da sie dieses Missgeschick als erste sah, verhindern, dass dieser Akt ohne Publikum gespielt würde.

Der beste und vielleicht für Kenner der Materie lustige Vorfall am Texthängen passiert mir bei einer „Einen Jux will er sich machen“ - Premiere. Wir probten im Theater in der Josefsgasse dieses Stück, aber ohne Coupleteinlagen, denn es war kein Geld für einen Klavierbegleiter vorhanden. Ich konnte aber meine Gesangseinlagen, denn ich hatte diese Rolle schon öfters gespielt. Da plötzlich bei der Generalprobe verkündet Herr Direktor Rosak zur Premiere wäre ein Klavierbegleiter da. Auf meinen Einwurf das ginge nicht, weil u.s.w., usw., war seine Antwort“: Warum die Ausreden? Du hast ja gesagt, du kennst die Couplets!“ Nun ja. Das Klavier stand aber auf der Bühne hinter dem Seitenvorhang auf der linken Seite. Ich machte mit dem Kapellmeister aus, es war unser aller Bekannter, der Gerstner, dass, wenn ich zu ihm hingehe und ihm zunicke, solle er mit dem Lied beginnen. Der erste Gesang von „Die Handelsleut´ “ ging noch gut über die Bühne, aber bei meinem zweiten Gesangseinsatz ich war schon zu Gerstner nach links hingegangen, da stocke ich. Ich hatte einen Hänger (So nennt man es auf der Bühne, wenn man textlich nicht mehr weiter weiß.) Warum? Jede Gesangsnummer hat eine textliche Einführung, die habe ich aber wohl einmal gelernt, aber bei dieser Inszenierung nicht geprobt, denn die waren ja nicht nötig. Weil ja kein Gesang stattfinden solle. Was tun? Die Souffleuse befand sich nicht vor einem im Souffleurkasten, sondern auf der rechten Seite der Bühne, hinter den Seitenvorhang. Ich spielte mich jetzt mit viel Herzklopfen und völligen Blödsinn extemporierend nach rechts; Es waren so ca. 10 Meter und fragt leise, da sie mich entgeistert, ob des neuen Textes anschaute, kurz und prägnant:“ Wie geht’s?“. Drauf sie ganz erleichtert und spontan: “Eh gut!“ Ich weiß nicht mehr, wie ich wieder nach links zum Kapellmeister hingekommen und ihm zugenickt habe, und das Lied ohne Vortext zu Ende brachte. Nur das Eine weiß ich noch. Ich war anschließend schweißgebadet.

Bevor ich aber noch zu meiner Linküberschrift der „Maria Stuart und die Eisenbahn“ komme, möchte ich noch eine Geschichte erzählen, die sich in den 4o-er Jahren auf der Exelbühne in Wien ereignet hatte. Ein Kollege, welcher im zweiten Akt mit seiner Rolle fertig war, durfte nachhause gehen. Er nahm, nach dem er sich abgeschminkt und umgezogen hatte, immer die Abkürzung quer über die Bühne, wo die anderen schon saßen und auf das Aufgehen des Vorhanges zum dritten Akt warteten und verabschiedete sich wie immer mit den Worten: „Wiss´s was i geh ham. Mi könnt`s am Arsch lecken!“ Er fand dies wohl sehr lustig, aber plötzlich wurde er stutzig, denn seine Kollegen, die ihn sonst nicht oder auch nur halbherzig so nebenbei verabschiedeten, starren ihn mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen an. Und bemerkte, obwohl er den Kopf nicht zu wenden brauchte, dass der Vorhang schon offen war und er mit der Sonorität seiner Stimme das ähnliche Zitat aus einem anderen Stück auf die Bühne und hörbar für das Publikum geschmettert hatte. So geschwind war er nie von der Bühne gegangen, aber sein Abgang wurde vom Publikum mit einem stürmischen Applaus und minutenlangen Lachsalven belohnt. Da auch die Schauspieler sich vor lauter Lachen nicht beruhigen konnten wurde der Vorhang herabgelassen. Jetzt könnte er wieder pausenmäßig agieren, aber er war nicht mehr im Haus.

Und nun zu meiner Schlussgeschichte. Ich war 1968/68 in Schleswig Holstein im Stadttheater Rendsburg engagiert und spielte bei der Saisoneröffnungsvorstellung den Graf Leicester in der „Maria Stuart“ von Schiller. Ich hatte diese Rolle schon in 5 oder 6 verschiedenen Inszenierungen gespielt und wollte eine andere Aufgabe haben, nämlich den Burleigh. Und da sagte mir bei der Vertragsverhandlung Intendant Deppisch zu, dass ich den Burleigh spielen werde. Ich freute mich schon auf diese neue Rolle und als in Rendsburg ankam, stand auch dem Speiseplan, so nennt man die Besetzungspläne, die am schwarzen Brett ausgehängt waren oder sind, dass ich in „Maria Stuart“ den Graf Leicester spiele.

Ich stürze sofort in die Intendanzkanzlei zu Deppisch. „Warum, warum, warum?“ Aber drückte mir seelenruhig das Werbeheft für diese Saison in dem alle Künstler und –innen abgebildet waren in die Hand und sagte: “ Aber ehrlich! . Wenn Du einen attraktiveren Mann, als Du bist, finden solltest, dann spielt der den Leicester und Du den Burleigh!“ Ehrlich, was hätten Sie getan? Also probten wir immer am Vormittag, denn Nachmittag war die Operette auf der Bühne daran. Das ist wichtig. Nun kam die Premiere. Ging wunderbar. Und nun meine Schlussszene: ausgefeilt, durchdacht und erarbeitet in ca. insgesamt hundert Proben und um 30 Vorstellungen.

Ich knie auf der Bühne und hörte unter mir die Hinrichtung meiner Geliebten und Königin Maria Stuart. Zu feig und etwas zu unternehmen oder heldenhaft einschreiten, um mit ihr zu sterben, nein angstvoll entsetzt, erstarrt nur hörend, was das Publikum nicht hört. Also, ich musste die Hinrichtung sprachlich darstellen. Ich hatte das Publikum im Griff und komme zu den Worten: „ Nun wird es still, ganz still!“ Das war es auch im Publikum, man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Da plötzlich in der Ferne, aber immer näher kommend:“ Ratata, ratata, ratata, Ratat, RAtata, RATata, RATAta, RATATa!“ Und da ganz laut ca. 15 Meter hinter mir: „RATATARATATA!“ Ein Zug der Deutschen Bundesbahn fährt zu diesem Zeitpunkt, und daher auch nie von mir gehört, auf dem dort 10 Meter hinter dem Bühnentor befindlichen Einsenbahndamm in Richtung Kiel. Mir brach der Angstschweiß aus allen Poren, ich echt geschockt, erwartete vom Publikum ein höhnisches Gelächter oder sonst was weiß ich, aber nein, es blieb ruhig wie vorher. Ich wartete die Entfernung des Fremdköperlautes ab und konnte in der selben Spannung wie früher, natürlich von mir neu aufgebaut, die Szene zu Ende spielen.

Das Rendsburger Publikum war das gewohnt. Das störte sie nicht. Auch ich wurde dagegen immun. Denn immer bei dieser Szene, einmal früher, einmal später fuhr dieser Zug vorbei.

Aber für mich wurde der Leicester zum Erfolg. Bei der anschließenden Premierenfeier, bei der ich mir einen Schoppen 3cl Rotwein um 12 Mark leistete, fragte mich ein weiblicher Fan: ( Aber bitte das nur Schleswigholsteinisch ausgesprochen) „Herrrr Lehhnauauau,. köönnen siiiiiie aouch wijj Peeiiter Alexaaanda?“

Worauf ich auf Hans Moser´sche*) Art die Reblaus sang.