HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Lebenswunsch 1931


Ich nehme an es war 1931, da war ich schon 5 Jahre alt, aber es könnte auch schon 1930 gewesen sein. Aber ich müsste schon meinen Namen gewusst haben. Ich wage es nicht das letzte Datum zu behaupten, denn es würde mir fasst niemand glauben, dass ein Kind schon solche Gedanken hatte. Aber ich hatte sie. Ich habe diesen Augenblick immer in mir gehabt und schreibe ihn jetzt erst auf, weil er durch einen anderen Augenblick, den ich vor ein paar Tagen erlebte, wieder stark in den Vordergrund trat.

Das war beim Geburtstagstreffen für meine Tochter Franca. Sie wurde 40 Jahre. Ich saß als 82-jähriger mit meiner Frau, meinem Sohn und meinen männlichen Enkeln, in einem renommierten "Beisl" in Wien in der Josefstadt und es waren sehr viele Freunde von Franca erschienen. Es war auch eine kleine Musikband gekommen und durch Akklamation aller Abwesenden sang Franca, die sich immer unermüdlich den modernen gehobenen Unterhaltungssong widmete, einige ihrer Lieder.

Der Text von ihr war in Wiener gemäßigten Dialekt, die Melodie etwas getragen, schwermütig und eher Largo. Es herrscht in dem Saal ein Lärmpegel, hervorgerufen durch die Bestellungen bei den Kellnern und das Zubringen der bestellten Speisen und Getränke und sonstigen Gemurmel, auch kam vom zweiten Saal, der nur durch eine halbhohe Wand getrennt war, Lärm von anderen Gästen herein. Wir saßen weiter weg von der Francapräsentation und ich, und nicht nur ich, verstanden nicht was sie sang, aber da sie mir ihre Texte einmal gemailt hatte, wusste ich um was es sich handelt. Aber das nur nebenbei.

Mich nahm die vorher geschilderte Stimmung so gefangen, dass ich wieder an meinem, ich glaube meinem ersten Kindheitsaugenblick dachte, der sicher eine der Grundlagen zu meiner Berufung und meinem Lebensinhalt war und nach vielen Umwegen dazu auch führte.

Wie ich schon in meinem familiären Umfeld schilderte, besuchten meine Eltern, auch mit anderen Verwandten bei oder nach Sonntagspaziergängen in Breitensee, meinen Geburtsort, auch einen großen Gastgarten in der Breitenseer Straße. Der war, wenn man von der Breitenseer Kirche, Richtung Breitenseer Kaserne geht, nach Platzerweiterung auf der rechten Seilte gelegen. Jetzt stehen dort hässliche, riesengroße Wohnblöcke und davor an beiden Straßenseiten parkende Autos.

In den warmen Sonntagnachmittagen seinerzeit war dieser Wirtshausgarten voll von Menschen, man trank und aß und redete. Ich streifte damals als Kind so umher, weil das Tischsitzen zu fad war und kam so hie und da an den Tisch meiner Eltern zurück, um ein Kracherl oder um eine Torte zu bitten. So wie ich es auch noch Jahre später, da ging ich schon in die Schule, in der Gartenanlage auf der Schmelz im Gasthaus "Zur frohen Zukunft" nach dem Erkunden der dort befindlichen kleinen Bühne tat. Dort roch es so interessant nach Leim und Bühnenstaub, ein Geruch der mich mein ganzes Leben nicht mehr los ließ.

Aber zurück nach Breitensee. Ich kann mich noch ganz gut erinnern. In diesem Wirtshausgarten, in dem es summte und von Menschen nur so wurlerte, war vor einem Gasthauspublikum auch ein Komiker, der eine Melone, in Wien sagte man damals einen "Halbsteifen" trug und  sich eine Rote Nase umgebunden hatte, er stand auf einem Podest vor einem grünen Gartenhäuschen. Auf dem Podest waren ein Tisch und ein Sessel und hier arbeitete der Alleinunterhalter. Meistens erzählte er Witze oder böhmakelte lustige Geschichten, blies auf einem Summpfeifferl (?), und sang auch hie und da einige Lieder und die Leute, die ihm zuhörten applaudierten, wenn ihnen etwas gefallen hatte.

Aber ich war begeistert von dieser eigenen Stimmung, die davon ausging. Es packte mich, ohne dass ich es damals wusste die Faszination, wie er den Kontakt, vom Podium zu seinem Zuhörern übertrug. Und den Zauber, den er auf das Publikum und besonders auf mich ausübte. Wie jetzt Franca mit ihren Liedern vor einem Gasthauspublikum in der Josefstadt.

Und ich spürte damals als Kind, dass ich das einmal machen musste, ja nicht nur einmal, sondern auch sein und werden. Der Ursprung meines Berufswunsches zeichnete sich in meinen Gedanken schon ab.

Aber, und jetzt wird es irgendwie gespenstisch, hellseherisch, vorahnungsvoll, gedankenumsetzend. Ich sagte mir damals, dass ich mit meinem Namen Herwig Sulzenauer, ein sehr guter und schöner Name und ich war stolz darauf, nicht so auftreten konnte, denn da musste man Hansl Tuschek oder Florl Wanek oder so ähnlich heißen, denn der Name zeichnet auch für die anderen Menschen meine Situation, meinen Stand, mein Auftreten, meine Ausstrahlung und meine Darbietung. Und ich dachte daran meinen zweiten Vornamen Josef und den Mädchennamen meiner Mutter, zusammen zu nehmen, um "Pepi Janowetz" zu heißen. So konnte ich blödeln, Witze reißen und mir eine Rote Nase umbinden, und die Leute begeistern.

Und was geschah jahrzehnte später? Ganz was Anders und aus ganz anderen Gründen, als ich als Kind wollte: Nicht Pepi Janowetz, sondern Herwig Lenau wurde daraus. Ein Artikulator der deutschen Hochsprache, gemäßigt, besonnen, und ein kurzer, leicht zu merkender Name eines österreichischen Dichters, der unter diesen Namen bekannt wurde. So konnte ich auch Klassiker spielen. Aber den Wurschtel mit der Roten Nase vergaß ich nie. Und jetzt eine intuitive Replik: Als Intendant engagierte ich immer Künstler, die diese Rote Nase für mich gefühlsmäßig trugen. (Sie war für mich ein Adelsprädikat.) Wer dies, ob seiner einfachen Aussage nicht kapiert, der grabe tiefer. Wenns es immer noch nicht reicht, der besitzt nicht den Adelsbrief der Roten Nase , die er umbinden durfte. Bei dem aber ich keine Rote Nase spüre, mit denen konnte ich einfach nicht, aus Geldproblemen musste ich aber.

Es ist schon sonderbar, wenn man so zurückschaut, was da nicht alles passiert ist. Und es ist keine erfundene Geschichte. Ich könnte, wenn es erforderlich sogar beeiden.