HERWIG LENAU
Eine Bilanz

I´ rieach an Wein 42



I RIACH AN WEI´ SCHO´ KILOMETERWEIT! 42

Es war in München. Obwohl er ein Korneuburger, war er der Spieß unserer Kompanie und das nach Hauptfeldw. WASNER seit Wr.Neustadt. Aber er hatte für uns Österreicher keine Liebe. Er schikanierte uns viel mehr als die anderen Germanen. Er war schon österreichischer Berufssoldat und über 12 Jahre dabei und hatte somit den Dienstgrad eines Stabsfeldwebels. Er war aber auch nach seiner Dienststellung Hauptfeldwebel. Der dienstführende Unteroffizier der Kompanie. Dazu braucht man extra Schulung und Prüfung.

Aber bei Herr Stabsfeldw. FESTA, den ich bei der Weihnachtsfeier in Wr. Neustadt durch den Kakao gezogen habe, kam mir zugute, dass er erstens auch sehr groß war, so passte mir seine Uniform, und zweitens war sein Wiener Dialekt, den er mit sogenannter Hochsprache zu übertünchen versuchte, direkt ein Anziehungspunkt für die Frotzelei. Und das hat er mir nicht vergessen.

In München wurde einmal eine Sonderration Wein an die Unteroffiziere ausgegeben und diese feierten an einem Nachmittag nach Dienstschluss in einer Unteroffiziersstube. Stabsfeldw. Festa war auch dabei. Und man roch den Wein auf den Gängen dieses altehrwürdigen Gebäudes.

HAUSLEITNER und ich marschierten über den Gang an dieser Stube vorbei und sangen. “Ich rieach an Wein scho´ kilometerweit, ..“. Weiter kamen wir mit unserer Gesangseinlage nicht. Denn da flog die Tür auf und Festa stand im Rahmen und brüllte, dass es in allen Stockwerken zu hören war: „Wissens wos i riach, an Maskenball!“ Das hieß alle halben oder dreiviertel Stunden erscheint man bei seinem Vorgesetzten mit der gesamten Unterwäsche, dem Sportanzuges, der Übungs- und der Ausgangsuniform, der Nachtbekleidung, des Arbeitsanzuges (Drillich) und auch aller Socken. In jedem dieser Gegenstände war ein Namenszettel eingenäht. Und dieser musste in dieser Zeitabstand entweder herausgetrennt oder wieder angenäht sein. Da half der damals übliche Spruch nicht, falls uns ein Ausbilder einen offenstehenden Knopf abreißen wollte:„Denken Sie bitte an die herrschende Spinnstoffknappheit!"

Und so zog ich und HAUSLEITNER in den Abständen von einer halben oder dreiviertel Stunde zu Festas Büro und zeigten ihm die angenähten und später wieder herausgetrennten Namenzetteln vor. Da ging so 3, 4 mal. Gott seid Dank halfen uns die Stubenkameraden bei Annähen und Raustrennen der Namenschilder, allein hätten wir das nicht geschafft.

Los geworden bin ich den erst nachdem wir nach Wörgl kamen. So lange hat er mich noch gepiesackt. Ich davon keine Schock fürs Leben bekommen, ich hab mich nur kurz geärgert, aber sonst alles mit Humor an mir vorbeigehen lassen.