HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Hohe Schule-tiefer Fall 44

Und nun zur hohen Schule des Reitens.

Ich hatte vorerst Glück. Als Größter oder Längster bekam ich eine Haflinger – Norika Mischung. Ein großer Falbe stark und gutmütig. Er hieß THOMAS. Mit ihm absolvierte ich diese Ausbildung: „Sche-ritt, Ta-rapp, Galopp“. Den deutschen Trapp, den englischen Trapp. Zügel beim Wenden anlegen. Den Sattel mit den Oberschenkel schmieren beim Sitzen. Trappstoßen mit den Beinen etwas abfangen und so weiter. Inklusive der 8- bis 14-tägigen Schmerzen mit wundgeriebenen Innenschenkel, infolge der bisher ungewohnten Sitzhaltung beim Reiten. Sogar beim Überspringen eines Schützenloches ca. 60, 70 cm breit x 90, 110 cm lang behielt THOMAS die Ruhe. Ging zum Rand. Ich beugte mich etwas zurück, das heißt „Spring“. Er aber kam noch mit den Hinterbeinen nach und dann zuerst mit den vorderen, dann mit den hnteren Beinen über“sprang“ er das Hindernis.

Aber einmal kam es bei einer Kompanieübung ganz anders. Zu unserer Ausbildung gehörte, dass jeder einzelne von uns nach der Grundausbildung auf den schweren Infanteriewaffen bei Übungen, in den verschiedenen Funktionen eingesetzt wurde. Einmal warst du Infanteriegeschützführer, ein anders Mal Schütze 3 oder 4.

Die persönliche Ausrüstung dazu war ja verschieden. Als Geschützführer musstest du u.a. einen Feldstecher dabei haben, eine Pistole und kein Gewehr, als Melder keinen Rucksack und Spaten, dafür kurzer Karabiner J 40 mit Munitionstaschen, und keinen Rucksack und Spaten.

Um letztes wird es sich handeln. Da ich Ende Juli 1944 im Krankenrevier (Siehe Link: Bürgerkrieg *) gelegen habe und nach meiner Entlassung gleich am Morgen eine Kompanieübung angesetzt war, war ich zu keiner Funktion eingeteilt und trat zum Sammeln mit ganzer Jägerausrüstung an. D. h. Rucksack gepackt, mit Zeltplane umgelegt, Karabiner 98 l (lang) am Koppel 60 Schuss Gewehrmunition, Seitengewehr, Brotbeutel mit Feldflasche und Spaten, Stahlhelm auf dem Rucksack.

Und stellte mich allein auf den linken Flügel der Kompanie. Mein Kompaniechef OBLT. RAPP sah mich und da kein Melder zu Pferd eingeteilt war, solle ich diese Funktion übernehmen und „Marsch, marsch (dieses Kommando hieß „im Laufschritt“), wir haben keine Zeit zum Warten“.

Also hetzte ich, wie schon beschrieben schwer bepackt zu den Ställen, um ein Reitpferd für einen Melder zu bekommen. Nur war zu dieser Zeit, alle Kompanien schon angetreten und eine war schon abmarschiert. Das hieß im Stall waren nur mehr minderwertige Tiere zu haben. Aus meinem THOMAS saß ja schon der Komp. Chef. So bekam ich von Stallmeister einen kleinen Braunen (Kreuzung unbekannt, aber als dumm, aber gutmütig beschrieben). Ich sattelte ihn, d.h. legte den Woilach (Pferdewolldecke) auf den Rücken, den Sattel drauf und zog den Sattelgurt fest, ohne auf die Grundregel zu achten, ihn nachher noch strammzuziehen, denn es musste ja schnell gehen. Nun das Pferd am Zügel nachziehend und im Laufschritt zurück zum Appellplatz.

Die Kompanie wartete schon auf mich. Ich nahm am linken Flügel wieder Aufstellung. Um schnell zu sein, außerdem war es ja relativ klein (niedrig), schwang ich mich von links in den Sattel, und dummerweise den verkehrten, statt den richtigen Seite des Zügels angezogen und benützte nicht den linken Steigbügel. Das Tier weichte dadurch mit dem Hinterteil nach links aus, und durch meine Größe (Höhe) und meiner Sonderbelastung bekam ich noch oben Übergewicht und rutschte nach rechts, diesen Steigbügel hatte ich auch noch nicht erreicht und im linken war ich zum Gegentreten noch nicht drinnen. Ich kippte weiter nach rechts, der Sattelgurt, schlecht angezurrt, gab auch nach und samt den ganzen Sattelzeug und Kriegsausstattung auf dem Boden liegend zum Gaudium und Hallo der gesamten Kompanie. Auf der einen Seite hinauf und auf der anderen hinunter.
Sie verwechselten dies wohl für einen Bühnenauftritt von mir.

Dann hörte ich das Kommando: „Rechts um, Zweimal links schwenkend, ohne Tritt marsch“ und sie zogen bei mir vorbei.

Ich mich zuerst aufraffend, mit Stahlhelm auf dem Rucksack, dem langen Karabiner, dem Brotbeutel mit Spaten und am Koppel Seitengewehr und Patronentasche mit 60 Schuss hängend, dann den Sattelvorgang wiederholend, aber da zog ich stramm. Diesmal hab ich das “Würschtel“ drangekriegt. D. h. nach Woilach und Sattel wurde der Gurt angezogen und tat so als ob ich ihn schließen wollte. Jedes Tier bläht sich nach Auflegen des Sattels auf, um nicht so einen strammen Sattelgurtzug auf seiner Lunge zu haben, und als dann der Gurt zugezogen, ließ es die Luft aus, um normal wieder weiter armen. Und als es ausatmete, zog ich zu, ich glaubte sogar einen kleine Keucher zu hören, denn nun saß der Sattel fest und konnte nicht mehr abrutschen.

Dann hinein in den Sattel, zuerst im Sche-ritt, dann auf der Straße im Ta-rapp, ging es der Kompanie nach. Auf dem Feldweg wurde ein Galopp daraus.

Da keuchte es aber sehr. Denn so einen großen und außerdem durch die „Falschausstattung“ überschweren Reiter hatte es noch nie getragen.

Das war der tiefe Fall.