HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Halten sie die Brücke!45

Am 7.Mai 1945, ich war Führerreserve bei Regimentsstab Gebirgsjägerregiment 144, befahl mir der Regimentskommandeur Oberst LORCH, in den Nachmittagsstunden persönlich in Beisein eines mir unbekannten Oberleutnants: „Halten sie die Brücke über die March (sie war ca. 1 –2 km von uns entfernt) bis das II. Bataillon diese überschritten hat und begeben sich dann mit der dazu zusammen gestellten SMG 42 (schweren Maschinengewehr 42-Gruppe) wieder zum Regimentsgefechtsstand!"

„Jawohl Herr Oberst!“

Für mich war die Sache klar, doch für ihn anscheinend nicht. Doch davon später. Dazu sei noch gesagt, dass wir versuchten seit etwa Mitte April keine Kampfhandlungen mit den Russen zu haben, sondern unsere Truppen (es handelt sich hier nicht nur um das 114. Gebirgsjägerregiment, sondern (von meinem „Standpunkt belehrt und übersehbar") um die 3. Gebirgsdivision mit ihren angeschlossenen Verbänden. Jedes Bataillon besetzte eine Hauptkampf Linie (HKL); und zu einem ausgemachten Zeitpunkt, falls keine Kampfhandlungen stattgefunden hatten, zog es sich auf eine neue Stellung zurück und überquerte nach hinten die beiden bereits von den andern Bataillonen die als HKL Stellungen bezogenen Linien. Das I. Bataillon war schon durch und es wurde das II. Bataillon bis 4 Uhr früh erwartet.

Ich nahm also um ca. 20,00 meinen Haufen (SMG 42 Gruppe) und zog mit ihnen zur Brücke. Dort trafen wir auf unseren Pionierzug, der in ausgehoben Löcher auf der Brücke 500 kg-Bomben legte und, es waren ca. 6 – 8 Sprengstellen, mit Zündschnüren verband. Auf meine Frage was und warum sie dies hier machten, sagten sie mir der Regimentskommandeur Oberst LORCH hätte ihnen dies am späten Nachmittag befohlen und sie sollten, falls nicht gerade das II. Bataillon drübermarschiert, diese um 24,00 Uhr sprengen.

Es ist auch für einen Nichtmilitaristen klar, dass falls eine Brücke gehalten werden soll, man die Kampfstellung auf der Feindseite aufbaut. Ich sollte nun laut persönlichen Befehl von Herrn Oberst LORCH bis 4 Uhr früh auf der Feindseite drüben sitzen und um 24,00 wird hinter mir die Brücke weggesprengt. Da ich auch wusste, dass unsere Pioniere nicht nur genau, sondern sogar übergenau waren, flog die Chose mir sicher schon um 22,00 Uhr um die Ohren.

Bitte, aber das nicht mit mir. Einem seit 4 Jahren bestausgebildeten Soldaten, der auf Grund seiner militärischen Kenntnisse an der Front als Gefreiter, Unteroffiziers Anwärter, Reserveoffiziersbewerber (ROB) und Zugführer eines leichten Infanterie Geschützzuges schon eingesetzten, von meinem böhmischen Vorfahren mitgegebene Schweijk-Gene ausgestatteten „Preissischen Leidnand“ ROB darf sowas keine Schwierigkeiten machen. Dann mein Entschluss, Befehl und Ausführung: „ Es wird um 21,30 Uhr Richtung Regimentsgefechtsstand abgesetzt!"

Als wir gegen 22,30 dort eintrafen, hörte ich von Herrn Oberst LORCH (auf seiner Beiwagenmaschine stehend) die letzten Worte seiner vermutlich vorausgegangenen Rede:“ Ab 00,00 Uhr hat die Deutsche Wehrmacht kapituliert. Alle Kampfhandlungen sind einzustellen. Jeder Soldat bleibt an seinem jetzigen Ort. Es ist verboten nach den Westen zu fliehen!“ Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe vom Herrn LORCH erst wieder gehört, als er gestorben war. Es war sicher besser so, denn sonst hätte ich ihm sicher etwas erzählt, das für eine Beleidigungsklage gereicht hätte.

Um wieviel Uhr die Brücke ob und überhaupt in die Luft flog, weiß ich nicht. Aber das II.Battailon kam lt. Auskunft THOMA (Wr.Neustadt) noch hinüber.