HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Glück im Unglück 88


Auch ein Augenblick. Ich sah plötzlich („augenblicklich“) vor meiner Autofrontscheibe eine Wiese. Nicht nur unten, sondern auch oben, in der Mitte und seitlich und in den Seitenfenstern. Keine schöne, aber grüne Grashalme in Massen.

Wie kam dies?

Ich wurde von Kollegen WLASAK, Intendant in Innsbruck, eingeladen bei ihm den Walzertraum von Oskar Straus zu inszenieren. Ich hatte Zeit und sagte zu.

Fuhr zuerst auf Kur nach Gastein, um mich für diese Aufgabe vorzubereiten. Da ich nicht Klavierspielen kann, musste ich immer mit dem Kapellmeister oder einem guten Korrepetitor, Striche und Übergänge in der Partitur ausprobieren und hören. Da kam mir Gastein sehr gelegen, denn ein ehemaliger sehr guter Ballettkorrepetitor GOREZKI, ein Rumäne, spielte dort im Kurorchester und ich traf ihn einige Male und machte so meine Partitur und Textbuch mit Strichen und Abänderungen für die Proben fertig.

Das war gut, denn eines Tages, rief mich der Bühnenbildner aus Innsbruck an, ob ich nicht mit ihm zusammen komme möchte, er hätte das einige gute Einfälle. Er will aber mit der Arbeit noch nicht beginnen, bevor er sie mir gezeigt hätte. Wenn ich gute Einfälle von einem Bühnenbildner höre, der Walzertraum nicht kennt, außerdem aus einem uns antipodischen Kulturkreis stammt (Japan), werde ich sehr hellhörig, mir schwand Furchtbares, und um das zu verhindern, musste ich ihn sofort treffen. Ich machte also mit ihm aus, dass ich mit den Auto, es war ein Volvo-Intercooler, das Schlachtschiff der damaligen Volvoflotte, in zwei Tagen zu ihm nach Innsbruck fahren werde.

So geschah es. Ersparen sie mir die guten Ideen und unseren Disput darüber. Ich fuhr dann gegen fünf Uhr wieder zurück. Autobahn nach Wörgl, Söll-Leukental nach St. Johann in Tirol und dann über Fieberbrunn, Hochfilzen, Leongang nach Saalfelden. Hier überlegte ich mir ob nach Zell am See, Bruck, Taxenbach nach Lend fahren sollte oder über Maria Alm und Dienten. Ich entschloss mich für letzte Route, da ich vermutete, dass dort weniger Verkehr wäre. Außerdem war bei Bruck eine Baustelle, die mich beim Hinfahren nach Innsbruck schon ärgerte.

Aber leider wurde ganz Saalfelden umgebaut, eine Umleitung nach der anderen, eine Grube nach der anderen und als ich endlich nach dieser Berg- und Talfahrt den Stadtkern verlassen hatte, und ich die Ortsendetafel von Saalfelden erblickte, konnte ich mein Gefährt auf die Geschwindigkeit (bis jetzt 20 – 30 h/km) von 50 bis 60 h/km anheben, denn die Strasse war gut einsichtbar und nur eine leichte Kurve nach links.

Dazu muss ich nun auch sagen, dass es ca. 19,00 Uhr geworden war und es ganz leicht rieselte, so dass die Strasse durch die Nässe ganz dunkel und schwarz schien.

Und plötzlich passierte es. Der Wagen brach hinten nach rechts aus, ich lenkte ihn wieder gerade, aber er gehorchte mir nicht, sondern rutschte anschließend vorne nach rechts weg, über den ca. 1 m hohen schrägen Straßengraben. Das Untergestell meines Fahrzeuges riss einen von der Post eingesetzten ca. 4o cm aus dem Boden und noch 6o cm in die Erde ragenden Betonstein oder eine Markierung aus dem Erdreich. Der Wagen wurde zwar dadurch gebremst, aber er überschlug sich durch den schrägen Straßengraben, rutschte noch einige Meter und blieb vor einem Holzstapel stehen.

Und da sah diesen Augenblick: Wiese vor meiner Frontscheibe. Der Motor schnurrte noch, das Radio spielte und es war nach dem Gerüttel, Gebumse und Gestose plötzlich ruhig und friedlich. Ich stellte Motor und Radio ab, öffnete die Tür, stützte mich mit einer Hand auf die Frontscheibe und mit der anderen öffnete ich meinen Autogurt und kroch auf allen vieren aus dem Wagen.

Gleich alles da: Gendarmerie, Feuerwehr und Rettung. Aber mir war überhaupt nichts passiert. Der Wagen - Totalschaden.

Wie kam es dazu? Ein vor mir fahrender Öllieferungswagen verlor in den Kurven etwas Öl. Dieses war aber auf der schwarznassen Fahrbahn nicht zu sehen und so kam ich in dieser Kurve ins Schleudern. Dieses Fahrzeug wurde nie ausgeforscht. Den Schaden musste ich ganz allein tragen.

Aber zwei gute Dinge kamen heraus. 1.) Immer anschnallen! Und 2.) So kam ich zu meinem Mercedes 280 SE.