HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Erlebter Alptraum 62



Wie oft wacht ein Schauspieler nachts schweißgebadet auf, denn er träumte, dass er durch widrige Umstände, sei es Wasserfluten, Feuersbrünste oder auch andere Unbilden, wie zu langsam fahrende Autos oder Straßenbahnen oder sich immer auftürmende Hindernisse gehindert wird, rechtzeitig zur angesetzten Vorstellung in das Theater zu kommen. Ein echter Alptraum. Mir passierte einmal ein solcher. Aber in Echtzeit. Das heißt, ich erlebte ihn.

Zur Vorgeschichte. Ich spielte als Gast im Stadttheater St. Pölten bei Dir. KNAPPL. Ich gastierte bei ihm in der "Parkstraße 13" und spielte den Kriminalkommissar. Die Vorstellungen wurden mir bekannt gegeben, denn es war nur ein Gastvertrag für dieses eine Stück. Während der Gesamtdauer, an denen ich nur zu den mir genannten Vorstellungen zur Verfügung stehen sollte, begann ich im Stadttheater Baden mit den Proben zu der „Zwischenlandung“ von WEINERT.

Ich gab meine Vorstellungen, die ich in St. Pölten noch zu absolvieren hatte, bekannt und wurde an diesen Terminen von Proben befreit. Die Vorstellungen dazu begannen erst nach der letzten Aufführung von "Parkstraße 13" und so konnten keine Überlappungen entstehen. Während der letzten „Parkstraße 13“ sagte mir Direktor KNAPPL, dass noch eine Weitere geplant sei.

Dieses Datum konkurrierte aber mit einer "Zwischenlandung" Vorstellung in Baden, aber diese war nachmittags angesetzt und „Parkstraße 13“ am Abend in St. Pölten. Mein Auftritt in "Zwischenlandung" dazu war während des zweiten Aktes und ich konnte dann sofort mit meinem Auto, eine Opel Kapitän 1956 leger nach St. Pölten fahren und rechtzeitig im Stadttheater zur Vorstellung "Parkstraße 13", diese Rolle ging durchs ganz Stück, anwesend sein.

Dazu sei noch zu bemerken. Dass ich als Kostüm in Baden einen eigenen Privatanzug anhatte und in St. Pölten spielte ich im Smoking, auch dieser war mein eigener und den musste an diesem Tag mitnehmen, da ich ihn bei einer Conférence in Wien brauchte. Ich sagte KNAPPL darüber Bescheid und er war damit einverstanden. Auch die Badener verständigte ich von der zweiten Vorstellung in St. Pölten. Und das sollte sich als gut dann herausstellen. Aber das Detail dazu später.

Es war ein trüber Tag so Anfang, Mitte November, die Straßen waren noch schnee- und eisfrei. Um mit den Haaren gut gestylt zu sein ging ich noch zur Mittagszeit zum meinem Friseur JAMBOR in die Währinger Straße, um mir länger haltenden Dauerwellen zu machen zu lassen. Das war damals Mode und praktisch, denn ich brauchte bei keiner der Vorstellungen in die Maske zum Friseur. Wir wurden damit zeitgerecht fertig und ich fuhr mit meinem Auto durch Wien, Richtung auf die noch im Bau, aber auch schon befahrene Südautobahn, Auffahrt Vösendorf, um von dort nach Baden weiter zu fahren. Auf dem Ring, der war damals noch in beiden Richtung befahrbar, begann es ganz leicht zu „flankerln“. Also noch ganz wenig Schnee fiel von Himmel.

Dieser Phänomen verstärkte sich und die Auffahrt in Vösendorf auf die A 2 war diese schon, durch vor mir fahrenden Fahrzeuge glatt geworden, und da ich leichtsinniger weise noch keine Schneereifen hatte, rutsche ich und kam nicht vorwärts. Ein vorbeifahrender Kokswagen warf mir einige Koksstücke herunter, die legte ich vor meine Hinterräder und so konnte ich anfahren und die kleine Steigung bezwingen.

Auf der Autobahn lag schon ganz schön Schnee, so ca. 10 – 15 cm und ich fuhr sehr vorsichtig, ohne stecken zu bleiben Richtung Baden. In der Höhe von Gumpoldskirchen war die Fahrbahngrenze zum rechten Rand durch den Schnee fasst nicht mehr erkennbar und ich rutsche durch plötzliches Bremsen, denn ich hatte die Fahrbahngrenze zu spät gesehen und mein Fahrzeug zu dieser hingelenkt, mit den Hinterräder nach rechts und mein rechtes hinteres Rad war außerhalb der ca. 10 – 15 cm erhöhten Fahrbahn.

Der Wagen stand. Ein Versuch durch gefühlvolles Wegfahren im zweiten Gang misslang. Das Fahrzeug rutschte nur weiter weg von der Fahrbahn. Nun war guter Rat teuer. Kein Koksauto oder sonstiger Schotter oder Sand in Sicht.

Ich schaltete der Motor aus. Zog die Handbremse an und legte den Freilaufgang ein. Dann ging ich rechts von meinem Auto. Öffnete die Vordertür uns rollte das Fahrzeug wieder an den Fahrbahnrand. Dann schnell durch die offene Tür die Handbremse gezogen. Das Fahrzeug stand. Und nun durch rutschen, schieben, heben und immer dazwischen, wenn das Rad ein kleiner Stückchen höher war, den schweren ca. 1 ½ tonnenschweren Wagen eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten oder länger, mir dauerte es ein Ewigkeit, auf den Fahrstreifen zu heben oder schieben oder zu bringen. Und zu allerletzt schaffte ich es doch. Der Wagen stand mit allen vier Rädern wieder auf der Fahrbahn.

Durch das langsame Fahren durch Wien. Die Panne beim Hinauffahren bei Vösendorf, das vorsichtige Fahren auf der Autobahn und jetzt nun der Kampf mit der Höhenüberwindung eines Rades, sah ich nun auf meiner Uhr, dass die Vorstellung in Baden schon begonnen hatte. Ich stieg ein und fuhr sehr vorsichtig in der Mitte der angenommenen Fahrbahn, es kam kein Verkehr mir nach, nach Baden und weiter durch die Stadt.

Vor dem Bühnentürl blieb ich verkehrsbehindernd stehen, die Maskenbildnerin hatte meine Requisiten, in der Hand, ich stürzte ohne mich zu bedanken auf die Bühne, hörte mein Stichwort und trat auf. Und das zum Entsetzten der Darsteller, den der Regisseure hatte schon in der Pause bekannt gegeben, dass durch den plötzlichen Schneefall ich verhindert wäre und er auf der Bühne den Text lesen würde. Als er mich sah, ging er gleich ab und ich absolvierte meinen Auftritt. Die Friseurin Erika WAGE hatte an mich geglaubt, den sie wusste, dass ich allen Widrigkeiten zum Trotz die Vorstellung spielen würde und so geholfen, dass ich meine karge Gage doch noch bekomme. Das war also noch gut gegangen.

Und nun zum zweiten Teil. Ich ging in die Direktionskanzlei und rief St. Pölten an, dass durch den einsetzenden Schneefall ich nicht mit meinem Auto nach St. Pölten zur Abendvorstellung fahre, sondern mit dem Zug. Die Verbindungen waren herausgesucht (Süd- und Westbahn) und ich könne ohne weiters zeitgerecht zu Vorstellung kommen. Dir. KNAPPL stimmte zu und ich erwischte noch den vorherigen Zug nach Wien Meidling. In Wien dann einen couragierten Taxifahrer, der mich zwar auf Umwegen, aber ohne in dem noch herrschen Schneegestöber stecken zubleiben, zum Westbahnhof brachte.

Ich lief auf den Bahnsteig. Dort standen zwei Züge, die in St. Pölten hielten. Ein Schnellzug und ein Personenzug. Aber der Personenzug war um eine Viertelstunde früher am Ziel. Also setzte ich mich hinein und wartete. Er fuhr dann auch pünktlich ab. Na, Gott sei Dank. Aber nun, wie sagt man in Preußen, dann kam der "Dicke Otto".

Auf der Strecke zwischen Hawai (Haderdorf Waidlingau) und Purkersdorf Sanatorium blieb der Zug plötzlich stehen. Zuerst dachte ich, ja, das kann hie und da passieren. Aber als es länger als eine Viertelstunde dauerte, fragte ich den Schaffner, für diese Ursache. Es herrscht auf der ganzen Strecke bis Salzbug starker Schneefall und der Personenzug müsse alle Schnellzüge vorbei lassen. Und so geschah es weiter bis St. Pölten. Da läpperten sich die Minuten schon zusammen. Handy gab er damals noch nicht, und im Personenzug auch kein Zugtelefon, damit ich die St. Pöltener von meinen Missgeschicken verständigen konnte. Um eine weitere Verzögerung im Theater zu vermeiden, zog ich mich im Wagenabteil auf den Smoking um, um im Notfall gleich auf die Bühne gehen zu können.

Aber das schaffte ich nicht mehr. Als ich vor dem Theatereingang war, kamen mir die Zuschauer schon entgegen. Die hatte 9o Minuten gewartet. Eine Auskunft am Bahnhof durch das Betriebsbüro von St. Pölten erzeugte auch einen gewaltigen Irrtum. Denn die Auskunft war, dass der Zug aus Wien, vor einiger Zeit schon angekommen war und meinte damit den Schnellzug, der an mir in Hawai vorbei fuhr.

Um diese zwei Vorstellungen spielen zu können, gab ich sogar eine Rübezahlvorstellung des Volkstheaters (bei Dr. RONGE) an meine Zweitbesetzung KRITTEL ab. Moralisch, seelisch, künstlerisch und was es sonst noch alles gibt, am ganzen Körper zerstört, beendete ich diesen Tag.

Ein wahrlich am eigenen Körper und eigner Seele erlebter Alptraum.