HERWIG LENAU
Eine Bilanz

EVERDINGS Intrige 96


In den 50 er Jahren lief ein fantastisches Kabarettprogramm in Wien, die Nummer unter dem Titel „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben“. Darin sinnieren zwei Schauspieler über die Tücken und Vorkommnisse ihres Berufes, Einer davon war HELMUTH QUALTINGER. Es kommt darin der Satz vor: „KORTNER hat gegen mich intrigiert“!

Na, auch was! Gegen mich hat EVERDING intrigiert.

Wer war nun Kortner und wer Everding. Kortner ein Monument der expressionistischen Schauspielkunst, als Regisseur sehr gefürchtet, denn er konnte sehr böse sein. ( Siehe: AUGENBLICKE: Begegnung mit KORTNER*) Und AUGUST EVERDING ein ganz großer Regisseur, aber auch ein besonderer Theaterleiter. Ich habe ihn kennen gelernt, als er als Regieassistent von LEOPOLD LINDBERG, der am Burgtheater „Becket oder die Ehre Gottes“ mit OSKAR WERNER und HEINRICH SCHWEIGER inszenierte. Er stieg auf die Karrierenleiter hinauf und im ganzen deutschen Sprachraum konnte, sei es künstlerisch oder administrativ nichts geschehen, wo er zu mindestens nicht seinen Senf dazu abgegeben hätte. Aber meistens hatte er seine Macht ausgespielt und wichtige Entscheidungen beeinflusst. Er war inzwischen Generalintendant aller freistaatlichen Bühnen Münchens geworden und seine Macht ging nicht von einem seiner Theater aus, sondern er hatte die besten Verbindungen, wenn er nicht selbst dort anwesend war, zur Bayerischen Staats- und Hofkanzlei. Das heißt in Bayerns Theatern geschah nichts ohne sein Zutun.

Und in dieser Situation hatte ich eine Gastregie im Stadttheater Coburg. JOHANN STRAUSS Sohn Operette „Waldmeister“. Ein sehr sprödes und sehr selten gespieltes Werk. Kein Publikumserfolg, eine einzige nur in der Ouvertüre vorkommende Melodie, die ins Ohr geht. Aber Coburg bildete es sich ein. Wurde doch Johann Strauß, damit er seine Tantiemen-Adele heiraten konnte, Bürger von Coburg und Württembergischer Staatsbürger. Irgend ein Gedenkjahr, und besonders ein Coburger Johann-Strauß-Verein und eine ganz neue Intendantin, die auch von Everding hingelobt wurde, war auch dahinter.

Nur wurde diese aus Unfähigkeit entlassen. Sie spielte nämlichan den eingeführten Operetten-Wochenenden (das Theater war voll), statt wie bisher, auf einmal Modernes Ballett (das Theater war leer). So am Publikum vorbeizuarbeiten, ist eine Entlassung die geringste Strafe.

Das Theater war nun ohne Chef. Das furchtbarste, das einem Kunstbetrieb passieren kann. Wohl gab es einen theatererfahrenen Administrativen Leiter, einem Beamten der Stadt, aber künstlerisch entstand das große Tohuwabohu. Zwei jüngere Oberspielleiter, einer davon im Schauspiel Everdings Sohn, noch der Moderatere, glaubten nun ihre Stunde sei gekommen, um Intendant zu werden. Nur stand ich dieser Wunschidee im Weg.

Wieso? In der Stammkneipe der Theaterkünstler dem „Hofbräuhaus“, nebenbei wohnte ich auch dort, war sofort das Gespräch gang und gäbe, ich wäre ja hier und solle doch bei der Stadt vorsprechen, um das Haus gleich zu übernehmen, das wäre die beste Lösung. Einige Schauspieler waren bei mir und in St.Pölten engagiert, und erzählten wie toll dieses Theater geführt wurde, alle Operetten bummvoll, Besucherdurchschnitt um 95%, tolle Stück u.s.w. Ich erklärte ihnen zwar, dass ich so etwas nicht vorhabe und ich wäre sogar eventuell bereit dieses auch notariell beglaubigen zu lassen. Aber es nützte nichts. Dieses Gerücht schwebte nicht nur über dem „Hofbräuhaus“, sondern auch über das Theater, zu Ohren der beiden Oberspielleiter, die nun fürchteten, dass sie bei einem Hearing gegen mich, doch um den erstrebten Posten als Intendant den Kürzeren ziehen mussten.

Und da geschah es. Ich kam eines Tages wieder einmal umsonst ins Theater, konnte eine angesetzte Probe nicht abhalten, da einige Sänger unbedingt plötzlich vom musikalischen Oberspielleiter der Aida inszenierte, dringend bei seiner Probe gebraucht wurden, um vielleicht einen Streitwagen zu ziehen oder Sonstiges, sagen wir künstlerische Arbeit zu verrichten.

Da wurde ich zum Verwaltungsdirektor gebeten. Der eröffnete mir folgendes: Heute früh hätte ihm Everding aus Chicago( U.S.A.) !!!!! angerufen, und ihm den Vorschlag gemacht, um die momentane Theatermisere zu beenden, dass er als Verwaltungsdirektor mit den beiden Oberspielleitern die Leitung des Theaters, als Dreierintendanz übernehmen solle, denn alle anderen Möglichkeiten wären ja nicht zielführend und - ich glaube, er hatte „abgestanden“ (das würde auf mich gehen) gesagt.

Aber er, als Verwaltungsdirektor selbst, wolle das nicht, sondern die Stadt habe etwas anderes vor und dabei sei eben nun ich als Erstgereiter für diese Position im Wege. Letzteres hat er nicht gesagt, sondern ich habe es heraus gehört.

Man muss nun wissen, dass als Coburg nach dem Ersten Weltkrieg freiwillig nach Bayern optierte, von München für sein Theater große Summen zugesprochen bekommen hat. Und Zahler war die Bayerische Staats- und Hofkanzlei. (Siehe Everding zu Beginn des Artikels.) Der könnte nun eventuell den Geldhahn zudrehen.

Ich war nun das Bauernopfer. Ich nahm es gern an. Der Vertrag wurde auf meinen Vorschlag aus künstlerischadministrativen Schwierigkeiten, bei terminlichen Vorbereitungs- und Probenarbeiten, im gemeinsamen Interesse, selbstverständlich bei voller Bezahlung der Gage, aufgekündigt und ich fuhr erleichtert aus dieser Schlangengrube nach Hause. Ich kann also mit vollem Recht nun behaupten: EVERDING HAT GEGEN MICH INTRIGIERT.