HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Die dunkle Seite des Seins 46



Die dunkle Seite des Seins.

 

Es ist die dritte von mir reiflich überlegte Geschichte zu einer AUGENBLICK- Erzählung.

Wie jeder Mensch in seinem Charakter helle und dunkle Seiten hat, so sei auch die zweite von mir nicht verschwiegen.

Und wie jeder Mensch einmal oder auch öfters für eine schwere Schicksalsentscheidung die Andere betreffen, gestellt wird, ist auch bekannt. So sei erinnerlich. Der Arzt, der oft über Leben und Tod der Mutter und des Neugeborenen zu entscheiden hat, der Feuerwehrmann, der zu entscheiden hat, wen er zuerst aus dem brennenden Haus bergen soll. Den Alten, der nicht mehr imstande ist zu gehen oder das kleine Kind, das noch nicht gehen kann. Der Seeoffizier über eine Frau oder ein Baby, welches vielleicht einmal Nobelpreisträger wird und die  Menschheit von einer Epidemie befreit, oder doch ein Massenmörder wird, der die ganze Menschheit tötet. Die Mutter über die Abtreibung ihres Kindes aus was für welchen Grund auch immer.

Bei diesen Entscheidungen stehen aber, und wenn auch nicht sichtbar vielleicht doch auch der eigene Vorteil dahinter. Und nun die Frage: Ist es verwerflich, um sein eigenes Leben zu kämpfen? Im Krieg, der Feind oder du selbst, das wurde und wird auf der Welt, ich vermute mehr als Milliarden Mal gestellt. Ist es so verwerflich, wenn man um sein eigenes Leben kämpft oder sogar kämpfen muss.

Nur hat meine Geschichte nicht den Tod eines Andern zur Folge. Nur war es jedes Mal seelisch sehr schmerzlich und es kostete eine Überwindung so zu handeln.

Aber nun der Bericht. Ich habe schon erwähnt, dass ich in der russischen Kriegsgefangenschaft war und im November 1945 in ein Lazarett für Kriegsgefangene in Russland kam. Ich wiederhole mich. Aber es ist für diese Geschichte sehr notwendig. Ich hatte 162 Abszesse, ausgelöst durch rechts und links je ein Schweißdrüsenabszess bei den Achselhöhlen, war unterernährt, ich wog damals 50 kg mit 1,95 Meter Größe (medizinische Bezeichnung: Dystrophie 3). Ich hatte an den Unterbeinen, rechts und links, eine stark nässende Phlegmone. Die Narben der Operationen und Selbstöffnungen und -heilungen der Abszesse sieht man heute nach 60 Jahren noch.Ebenso die Hautverfärbung  von der Phlegmone betroffenen Stellen.

Und durch das lange Liegen, ab November 1945, war ich auch total entkräftet und meine Abwehrkräfte des Körpers waren gleich Null. Es lagen in einem Saal ca. 60 -80 schwer kranke Plennjis (russisch: Kriegsgefangene: wojna plennji).

In zweier Betten nebeneinander, zu viert liegend. Der Eine hatte Tuberkulose, der Andere Wassersucht, der Dritte offenen Nesselausschlag mit Nasendiphtherie und der Vierte bestand nur mehr aus Geschwüren.

Sie hatten für meine Größe kein passendes Bett, denn alle waren nur ca. 1,80 Meter lang und nur 70 cm breit, und so  hatte ich, da es zu zweit mit mir nicht benutzbar war, das Privileg allein in dem Bett zu liegen.

Um den Jahreswechsel von 1945 und 1946 hatten die Mangelkrankheiten, vermutlich durch die Unterernährung und dadurch die entstehende Entkräftungsanfälligkeit, den Höhepunkt erreicht und es wurden dauernd neue kranke Kriegsgefangene bei uns, und meistens in der Nacht eingeliefert. Und wo irgendwo ein Platz in einem Bett frei geworden war, (durch Ausfall, das heißt: ""verstorben"), wurden die Neuankömmlinge dazu gelegt. Es waren ehemalige deutsche Sanitätssoldaten, auch von anderen Stationen oder auch anderen Lagern, die diese Arbeit verrichteten. So auch öfter wieder zu mir in mein Bett.

Eine mündliche Beschwerde anfangs durch mich, dass ich allein liegen durfte und musste, half nichts. Es dauerte immer einen halben Tag bis der Bettnachbar wieder woanders hingelegt wurde. Aber in der Nacht musste alles schnell, schnell ("bistrja, bistrja") gehen. Es blieb also mir nun überlassen durch eine halbwegs wirksame Abwehr, mich von einer neuer Infizierung mit einer andern Krankheit zu schützen, und auch alleine im Bett in Zukunft weiter liegen zu bleiben.

So umklammerte ich mit den Händen oben die Bettsprossen und mit den Füßen stütze ich mich unten an den Bettsprossen ab, und schob so den Neuzugang aus meinem Bett. Es tat mir immer Leid, was ich meinen kranken Kameraden antun musste, aber der Selbsterhaltungstrieb war stärker. Immer war ein großes Geschrei, aber die Sanitäts- Stationsmannschaft kannte die Situation schon von mir und sagte immer. "Das ist der Lange, der hat keinen Platz zu zweit, der soll allein bleiben!" und die Sache wurde dann gleich zu meinen Gunsten geregelt.

Den so Hinausgedrückten passierte gar nichts, denn die Betten waren höchstens 30 -35 cm vom Boden entfernt. Er war für sie möglicherweise nur ein kurzer Schreck oder so. Für mich aber war es immer eine große Überwindung. Denn nur so konnte ich mich vor einer neuen Ansteckung schützen und meine nur langsam fortschreitende Genesung auch in seelische Ruhe abwarten. Und wo zwei ein einem Bett lagen gab es immer wieder Streitereien und ein Gerangel. Ich weiß wovon ich rede, denn neben mir links, stand an meinem Bett ein anderes, in dem Zwei drinnen lagen.

Ich habe versucht diese Situation korrekt zu schildern und nannte auch viele Entschuldigungen für mein Verhalten. Aber damals, wie heute habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich daran denke. Der arme kranke Kriegskamerad kam gereinigt aus eine Sauna, Haare zwar geschoren, aber in ein weißes frisch gewaschenes Nacht- oder Lazaretthemd gekleidet, sich freuen auf ein, aus ganz in weiß überzogenes Bett zu kommen und seine Krankheiten und Schmerzen, so wie jeder will, loszuwerden, auszuschlafen, und auszuruhen. Und kaum liegt man in einem solchen, für manche wenn schon nicht Jahre, dann Monate herbeigesehnten Paradies und plötzlich, drückt eine unbekannte Macht und man rutscht wieder auf die Erde.

Hier zwar sauber, aber sonst der Innbegriff aller Mühen, allen Kummer und allen Schmutzes der Erde. Dies alles zu wissen, einst, wie jetzt. Und ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich kenne ja aus eigener Erfahrung die physische und psychische Belastung der schwerkrank gewordenen Kriegsgefangenen in Russland. Da bekommt man ein mulmiges Gefühl, nicht nur im Magen, sondern auch auf der Seele drückt die Drud.

So lege ich auch über meine dunklen Seite darüber Rechenschaft. Es soll nichts verheimlicht werden.