HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Bonzenhotel in St.Christoph 43

Wir waren zur Gebirgsausbildung auch am Arlberg. Auf der Rauzalpe. Hatten zu Fuß nicht weit nach St.Christoph am Arlberg. Dort befand sich nur eine Kirche und ein Hotel. Wir nannten es „Das Bonzenhotel“, weil dort, wie auch auf der anderen Seite des Arlberggebietes in Zürs und Lech nur hohe Persönlichkeiten verkehrten. Also Offiziere ab Major, Parteigoldfasane über einem Kreisleiter und auch so viele Wirtschaftsbonzen. Nicht, dass der Zugang für andere verboten war, aber es ging niemand hin und die wurden, wenn sie erkannt, höflich „Leider kein Tisch frei!“ hinauskomplimentiert.

Wir hatten einmal einen ganzen Tag frei und viel Unsinn im Kopf. Und so beschlossen HUGO POSPIECH und ich zum Stammgerichtsessen nach St. Christoph zu gehen. Stammgericht war ein Menü, bei der keine Essensmarken abgegeben werden mussten. Aus den verschiedensten Gründen.

Und so geschah es. Es regnete leicht, wir zogen über unsere Berguniformen, Keilhose mit richtig genagelte Goiserer und die Windjacke an, und gingen die paar hundert Meter hinauf nach St. Christoph. Auf der Windjacke war keine Distinktion zu sehen. Und wenn du die Bergmütze so zu Hand nimmst, dass man nicht sieht, ob oben und auf der Kokarde kein Silber, oder gar Gold sich befindet, war überhaupt keine Rangzuteilung möglich. Du konntest General oder Mulitreiber (Scherzausdruck unter uns für uns) sein.

Wir gingen in das Hotel in den Speisesaal. Grüßten zackig, nahmen sofort unsere Bergmützen wie vorhin beschrieben herunter und ich bestellte, als wäre das Kommandieren mir in die Wiege gelegt worden, beim vorbeigehenden Kellner: „Zwei Plätze bitte!“ „Jawoll!“ und er hielt Ausschau und ging dann zu zwei freien Plätzen, die in der Nähe waren. Dazu wäre zu sagen, es waren Längstische aufgestellt, an denen ca. 30 bis 40 Personen gegenüber saßen.

Da aber glänzte und glitzerte es in Gold und Silber und sonstigem Edelmetall, die Orden funkelten am Hals und an der Brust. Die Damen in, mit mindestens Silber- oder Blaufuchs, auch Hermelin war darunter, verbrämten Kleider oder Jacken.

Inzwischen hatten wir unsere Windjacken ausgezogen, die Bergmützen in die Taschen gesteckt und marschierten auf die angewiesenen Plätze zu. Das Stimmengewirr verstummte allmählich im Saal und die dort sich befindlichen Bozen mit ihren Damen starrten uns an, als kämen wir aus einer anderen Welt. Das war auch so. Wir waren zwei einfache Kraxelhuber (auch ein Scherzausdruck für die Gebirgsjäger) ohne Halsweh (Ritterkreuz) oder Christbaumschmuck (sonstige Orden). Wir stellen uns hinter die freien Sessel, knallten die Hacken zusammen und sagten:“Gestatten!“. Dann setzten wir uns, ohne auf eine Aufforderung abzuwarten nieder. Und zu dem hinter uns mit offenem Mund stehenden Ober befahl ich mit lauten preußischen und natürlich auch schauspielerisch durchzogenen Befehlston: „Zweimal Stammgericht und zweimal Sprudel oder Zitronenkracherln bitte!“

Und dann wandte ich mich an meinem Begleiter und wir sprachen gedämpft, dem wieder einsetzenden Gemurmel angleichend, über den gestrigen „Bunten Abend“ auf der Rautz. Das Essen war vorzüglich. Zuerst Rindsuppe mit undefinierbarer Einlage. Dann Fleischbraten, angeblich Wild, da Essensmarken frei, mit Soße, Kartoffel und als Nachtisch der übliche Grießpudding mit verdünntem Obstsaft. Gekostet hatte es mit Getränk 3-5 RM.

Wir waren sehr stolz, dass wir dies durchzogen, aber beim Hauptgang passierte ein Malöhr. Mir rutschte beim Schneiden des Fleisches das Messer etwas aus und beförderte ein nussgroßes Kartoffelstück vom Teller auf das Tischtuch. Uns Beiden stockte der Atem. Was aber machte ich? Ich saß wie beim Unterricht über Benehmen und Umgang gelernt, Füße zusammen, Ellbogen an den Körper, Oberkörper leicht vorgebeugt da, blickte HUGO fest in die Augen, erzählte ihm eine Geschichte aus unserem Unterricht, legt ohne Hast ganz ruhig das Messer neben den Teller ab und in der selben Ruhe schupfte ich, nur mit drei Finger, das Handgelenk auf dem Tische ruhend und auch ohne mich sonst zu bewegen, den Erdäpfel in den Teller zurück, nahm mein Messer wieder auf und aß weiter, als ob nichts gewesen wäre.

HUGO konnte das Lachen fasst nicht mehr zurückhalten, er verschwand sehr schnell auf der Toilette und ich glaubte sein Lachen und Prusten zu hören. Als er wieder zurückkam, dauerte es noch längere Zeit bis er wieder normal essen konnte, denn immer wieder musste er seine Serviette vorhalten, damit man sein Lachen nicht bemerke. Es gab ein großes Hallo, als wir diesen Jux unseren Stubenkameraden erzählten.

Aber heute weis ich es besser. Da hat wieder der Theaterteufel zugeschlagen, und die Schweijk-Gene haben ihm dabei geholfen.