HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Berühmte Dichter 61 und später 61

Vom Beginn meiner Schauspielerkarriere bis zum Intendantenpensionisten-Dasein habe ich mit vielen, besonders dramatischen Dichten, inbesondere mit solchen die dem Theater irgendwie verbunden waren, nicht nur zu tun gehabt , sondern sie sind mir auch durch besondere Ereignisse und Begebenheiten bekannt geworden, dass ich empfinde, als hätte ich sie persönlich gekannt.


Csokor Franz Theodor, Günther Weisenborn, Hans Weigel, Hans Halbe, Peter Turini, Fritz Hochwälder, Heimito von Doderer, Thomas Bernhard, Gert Friedrich Jonke, Brigitte Schwaiger, Reiner Maria Rilke, Ciavacci, Friedrich Schreivogel, Harald Zusanek, Anton Wildgans , Friedrich Heer, Humbert Fink, Kurt Klinger, Felix Mitterer.

Als ich einem einen Augenblick über die Aufführung “3. November 1918“, ein Drama von Franz Theodor CSOKOR, in Baden schreiben wollte, ich spielte darinnen den Maschinenmaat Pjotor Katschjuk, kam ich darauf, dass sich in meinem Leben nicht nur mit dem Autor dieses Stückes, sondern mit noch einige anderen bekannte Dichter und erstklassige Schriftstellern direkt bekannt oder auch nur durch Gedanken mit ihnen verbunden war. Ich berichte nur von denen, welche mit irgendwelchen Literaturpreisen des Staates ausgezeichnet wurden, sonst würde es zu uninteressant.


Als aller Erster der wahrhafte Olympionike Franz Theodor CSOKOR ist wie Gerhard HAUPTMANN in der Deutschen Sprache der Gipfel der Naturalismus, so ist Franz Theodor CSOKOR für Österreich der Gipfel der Expressionisten und war auch Vorsitzender des Österreichischen PEN-Clubs. Autor von einigen bekannten Trilogien, wie „Die Europäische Trilogie“ aus den das oben genannte Stück stammt, dann die Trilogie der Weltenwende „Olymp und Golgatha“, und u.a. „Die Trilogie: Der Mensch und die Macht“.
Sein bekanntestes Werk aber ist der 3. November 1918. Nach der Premiere in Baden, kam CSOKOR mit dem damaligen Kulturstadtrat uns späteren Bürgermeister Viktor WALLNER hinter die Bühne, stürzte im wahrsten Sinne der Wortes auf mich zu, umarmte mich sagte ungefähr: “Ich gratuliere ihnen zu diesem Erfolg. Genau so habe ich mir den Katschjuk vorgestellt und woher ich die Grundlagen dieser Rolle habe?“ Ich erzählte ihm von meiner Kriegsgefangenschaft, von Studium der slawischen Menschen und da ich auch durch einen Teil meiner Vorfahren slawischer Herkunft bin und so weiter. Der Herr WALLNER wollte sich immer in unser Gespräch einmischen und CSOKOR für sich und andere Themen in Anspruch nehmen. Aber CSOKOR ließ sich nicht beirren und sprach sehr lange und ausführlich mit mir. Das war die erste Begegnung mit WALLNER, zu dem ich, obwohl unser Weg, seiner als Bürgermeister von Baden und meiner als Theaterleitender von St. Pölten, Leoben und dann sogar Intendant von St. Pölten, der NÖ.-Theaterpartnerschaft, uns immer zusammenführt, nie persönlichen und menschlichen Kontakt aufnehmen konnte, obwohl er meine Arbeit am Theater, sei es als Schauspieler und Intendant immer lobte. Wie aus dem Erzählten ersichtlich begann meine Theaterkarriere in Baden, es war nicht der 3. November, es war schon früher. Und die Theaterkarriere ihres Theaterdirektors und meines Freundes Walter DIRNBERGER begann in St. Pölten. So spielt halt das Leben.

Als ganz Großer in der Literatur war Günther WEISENBORN. Es war Österreicher lebte aber während der Krieges in Berlin und war dort so der Zentralpunkt der Widerstandes gegen Adolf Hitler. Der deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder hat ihn in dem Film „Lili Marleen“ mit Hanna SCHYGULLA ein Denkmal gesetzt und durch seine persönliche Darstellung noch hervorgehoben. WEISENBORN lernte ich kennen in Kärnten. Ich spielte am Stadttheater Klagenfurt den Lofter im „Verlorenen Gesicht“. Eine tolle Rolle in einem sehr interessanten Werk. Diese Rolle verdankte ich nicht meiner großartigen Gestaltungskraft, sondern einem Auffassungskonflikt zwischen der Regisseurin Dr. Susanne POLSTERER und meinem Freund Theo FRISCH-GERLACH. „War ja Wurscht“. Ich hatte großen Erfolg damit. WEISENBORN befand sich, ich weiß nicht mehr aus welchem Grund in Paternion. Ich kutschiert die erwähnte Susi und den Dramaturgen des Stadttheaters Klagenfurt Horst EDER, damals noch ein WOCHINZ – Fans mit meinem Opel-Kapitän dorthin. Ob dies ein Vormittags- oder Nachmittagstermin war, weiß ich nicht mehr. WEISENBORN war sehr nett und gescheit und ließ nur uns reden und hörte zu. Er schrieb auch Romane und viele seiner literarischen Werke waren dem Kampf gegen Hitler bestimmt, bzw. gerichtet. Er starb ein oder zwei Jahren später.

Ein anderer Großer der Theaterszene war Hans WEIGEL. Er war nicht nur der Starkritiker seiner Zeit und er konnte dabei ganz böse werden und viele fürchteten auch seine Besprechungen, sondern er war auch Buchautor und Stückeschreiber. In einem von ihm „Der eingebildete Doktor“ spielte ich die Titelrolle. Er kam zur Generalprobe. Er, der jede kleinste Übertreibung auf der Bühne in seinen Kritiken anprangerte, konnte in seinem Stück nicht „Überhöht“ genug sein. Ein vorgeschriebenes nervöses Zucken in meiner Rolle musste ich, wenn man dabei den Weg der Nasenspitze messen würde, von 1 cm auf 4 – 5 cm vergrößern oder verlängern. Und die Tafeln zum Rorschachtest waren ihm zu klein. Nicht DIN A 4, sondern sie mussten DIN A 2 groß sein.

Zu erwähnen wäre noch, dass in diesem Stück die Tochter des deutschen Dichters Ernst HALBE, Annaliese, mitspielte. Wir führten nämlich zur selben Zeit auch ein unbekanntes Werk HALBES auf. „Das Haus an der Mauer“. Außerdem waren WEIGEL und Frau Elfriede OTT meine „Erstgeburt“ im Stadttheater Leoben. Mit ihr gab es viel später einen großen Disput, eigentlich war es mit einem sie begleitenden Politiker ihrer Theatersommergemeinde. Sie hat sich nur dabei eingemischt. Es ging um das Stück „Lumpazivagabundus“, das sowohl von ihr im Sommer in Lichtenstein, als auch von mir in St .Pölten gespielt werden wollte. Nur hatte ich es schon ein Jahr früher als sie angekündigt. Ich gab nach. Das war ein großer Schachzug und große Diplomatie meinerseits. Denn St. Pölten, erhielt nun, statt 300.000,00 ÖS für diesen Sommer und auch für später jeweils 1,000.000,00 ÖS. Ich glaube da muss man nachgeben.

Einer nächsten zu den Größten zählenden Dichter war Thomas BERNAHRD. Und zwar während meine Engagements in Klagenfurt. Ich wurde einmal mit Volker KRISTOPH und Herta FAULAND, ich weiß nicht mehr waren Kätzi EBENAU und Hanne ROHRER auch dabei, nach Maria Saal in den Schuppen eingeladen. Der Schuppen war eine riesengroße Scheune mit Tischen und Sesseln, es gab zu essen (Verhackerts und Brot) und zu trinken Bier oder Wein. Einladender war der Geri. Graf Gerhard LAMPERSBERG. Eine lustige Künstlerzusammenkunft. Es waren auch Kärntner Maler und Bildhauer und Literaten dort. Namentlich glaube ich mich an Gert Friedrich JONKE und Humbert FINK zu erinnern. Man redete, stritt, gab nach und auch an. Später kam noch das Kärntner Theaterdenkmal Schorschi BUCHER. Und dort war auch Thomas BERNHARD anwesend. Denn er schilderte in seinem Buch „Holzfällen“ genau diese Situation und Stimmung des Zusammenseins und webte den Gastgeber Graf LAMPERSBERG, mit einem anderen Namen, ich glaube er nannte ihn AUERSPERG, mit hinein. Was BERNHARD nicht vor einer Klage von LAMPERSBERG in den 80-jahren schützte. Bei einer anderen Zusammenkunft, ich glaube es war eine Kulturdiskussion, in der von Humbert FINK namentlich mit FAULAND, KRISTOPH und LENAU als die besten Schauspieler, die Klagenfurt je hatte, ausgezeichnet wurden.

Von den Wiener bekannten Dichtern und Schriftstellern sei vor allem Heimto von Doderer genannten in dessen Wirtshausbeisl in der Lenaugasse, ich mit Horst FLOSSMANN und Werner SOBOTKA aus der Schanzstraße zu Abend gegessen haben. Letzterer war Kabarettist und trat die Nachfolge vom verstorbenen Maxi BÖHM in der Josefstadt an. Mit Stammgästen und dem Wirten sehr viel über DODERER diskutiert. Die literarisch und dicht geschriebene „Strudelhofstiege“ geht mir wohl unter die Haut, aber ich habe sie nicht mehr, oder noch nicht, die innere Muße sie ganz zu lesen.

Mit Burgschauspieler Walter SCHAUER ging ich öfters nachmittags ins Kino und dann in das Kaffeehaus. Das war vor allen das Cafe EILES in dem wir Fritz HOCHWÄLDER öfters trafen und über sein „ Heiliges Experiment „diskutierten.

Die neueren, jüngeren österreichischen Autoren oder auch Dichtern Peter TURINI und Felix MITTERER, seien auch erwähnt. TURINI habe ich bei eine Premiere ins St. Pölten, ich glaube es muss 1969 oder 1970 gewesen sein und zwar „Rozzenjagd „ kennen gelernt. Er kam dort zur Premiere und als Oberspielleiter damals war ich dabei anwesend und habe dann mit ihm und dem Publikum diskutiert. Dabei ist mir ein Kritiker aus St. Pölten, ich weiß seinen Namen nicht mehr, der sich (blöderweise) nur über die hohen Schnürschuhe von Turrini geäußert hatte. (?) So was habe ich auch erlebt.


Mit Felix MITTERER habe ich einen Film gedreht, wir waren in der selben Garderobe. Es war die Ringstraßenmelodie wir drehten in einer alter Halle der Liesinger Brauerei. Die Beifügung und propagandistische Ankündigung war damals "Die hundert besten Schauspieler Wiens in diesem Werk". Dort war ein Zimmer der handelnden Familie aufgebaut. Es waren noch Wolfi GASSER und Prof. STOHSS dabei..

Brigitte SCHWAIGERS „Jugend“ habe ich im Theater der Zeit als Intendant aufführen lassen. Wir trafen und persönlich nie, sondern wickelten die Vertragsverhältnisse nur über den Verlag ab. Sie kam auch nicht zur Premiere. Ich glaube sogar dies war eine Welturaufführung. Interesse also null von Schwaiger. Na ja.

Rainer Marie RILKE habe ich nie persönlich gesehen und gekannt. Wieso auch? Er starb in meinem Geburtsjahr 1926. Aber er besuchte in St. Pölten die Militär-Unterrealschule, ähnlich wie ich in Wr. Neustadt. So empfand ich zu ihm etwas wie eine Seelengemeinschaft. Sei Gedichte sind wunderbar und treffen so die Dinge, welche er aufgreift.

Ich glaube ich erwähnte in einem Augenblick, dass ich den jungen Grenzjäger in Schönherrs „Weibsteufel“ mit großen Erfolg spielte (Obzyna). Nur war zu dieser Zeit es vertraglich so, dass man nur mehr die Bearbeitung des Werkes vom Stief- oder Schwiegersohn Schönherrs spielen durfte. Wir, das heißt Karl-Kelle RIEDEL und ich aber waren der Meinung, dass das Ursprüngliche nur im Original wäre. Und so kamen wir mit dem Bearbeiter und er war auch österreichischer Dichter CIAVACCI in den Disput. Da er die Proben besucht und feststellte, dass wir das Original spielten. Aber er ließ sich überzeugen und wir konnte bei Original-SCHÖNHERR bleiben. Die Tantiemen bekam es ja ohnedies.

Friedrich SCHREIVOGEL traf ich, als ich in der Postgasse seinen „Weißen Mantel“ inszenierte. Harald ZUSANEG traf ich im Cafe Raimund“. Das ist das Cafe vor dem die Käthe Dorsch, dem Hans Weigel eine Ohrfeige für einen Zeitungsverriss verabreichte.

Zu Anton WILDGANS stellt ich eine Verbindung über eine Kriegsgefangenschafts- Bekanntschaft her. Es war Prof. WITIBSCHLAGER mit dem ich in der russischen Gefangenschaft Theater spielte. Das Lied, er spielte mit einer Gitarre dazu „Wer a Geld hat, kann ins Theater fahrn, und wer keines hat, isst daham an Schmarren“; traf die Umstände der damaligen Zeit. Er erzählte mir von WILDGANS, da er mit seinem Sohn, der Flöte spielte, in die Schule gegangen war und brachte so mir den großen Dichter sehr nahe.

Und Kurt KLINGER lernte ich durch Robert Uwe KLAUS kennen. Letzterer war Theaterkritiker des Wr. Kuriers und ich kannte ihn sehr gut. Einige Nächte bei Alkohol gingen schon darauf. Und Kurt KLINGER war auch hie und da dabei. Ich besuchte diesen, als er Dramaturg in Düsseldorf war und wollte so ein Engagement erreichen. Aber er hatte in dieser Hinsicht keinen Einfluss. Also wurde außer der Bekanntschaft nichts daraus.

Und zu Schluss ist noch Prof. Friedrich HEER zu erwähnen, den ich schon in einem Augenblick (KORTNER) angeführt hatte. Meine Bekanntschaft mit ihn rührte auch noch aus der Burgtheaterzeit her und wir haben noch viel geplaudert. Ich traf ihn dann noch später als ich Polzeiwachdt. in Favoriten, im Wachzimmer „auf der Krim“ war. Ein wichtiger geistiger Mahner für Österreich.