HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Begegnung mit KORTNER 64

KORTNER. Ein großartiger Schauspieler, einer von den letzten Expressionisten. Als Regisseur war er gefürchtet. Bei Proben quälte, drangsalierte und beschimpfte er die Schauspieler aufs ordinärste. So sollte er einmal zu LISELOTTE PULVER gesagt haben: „Pulver, sie Arschloch warum machen Sie das nicht so und so...!“ Worauf die Pulver geantwortet hätte: „Herr Kortner zum meinem Arschloch können sie ruhig du sagen!“ Eine schlagfertige Antwort und sehr mutig. Wer weiß was ihm sonst noch eingefallen wäre.

Einmal war sein Verhalten einem Schauspieler zu viel, es war Burgschauspieler MANFRED INGER. Er war wie Kortner Jude und musste vor HITLER in die Emigration flüchten. Er trat nach einem Ausbruch Kortners vor an die Rampe und sagte:“ Herr Kortner ich habe Hitler nicht überlebt, um unter Ihnen zu Grunde zu gehen!“ Und verließ die Probe.

Das war im Burgtheater. Kortner probte „John Gabriel Borkman“. Mit BALSER, WESSELY, SEIDLER, SUTTER. Alles fürchtete sich vor ihm.

Ich war damals sehr oft in der Kantine des Burgtheaters Mittag essen. Das Essen war sehr gut und auch nicht zu teuer. Einmal hatte die Probe zu Borkmann gerade eine Pause. Alle Genannten und noch mehr kamen und bestellten bei dem Kantinenwirt, namens FRANZ ihr Mittagessen.

Dort war es Brauch und Usus, dass das bestellte Essen personell ausgerufen wurde: z.B.: „Die Eierspeise für die Frau Seidler!“ oder „Der Schweinsbraten für den Herrn Balser!“, denn diese Gericht waren speziell für den Einzelnen zubereitet. Wie z.B: Herr Balser will zu seinem Schweinsbraten keine Knödel, sondern Erdäpfel. So waren bei dieser aufgerufenen Portion die besonderen Wünsche berücksichtigt und das Essen wurde dann persönlich von dem Aufgerufenen abgeholt, der sich mit eigen Worten auch noch dafür bedankte.

Kortner kam etwas später mit seinem Regieassistenten diskutierend herein, bestellt sich ein Nudelsuppe und nahm hinter mir, Rücken an Rücken an einem Tisch platz und palaverte mit seinem Begleiter weiter.

Nach einigen Minuten hörte man die Stimme von Franz: “Die Nudelsuppe für den Herrn Kortner!“ Kortner rührte sich nicht und diskutierte weiter. Dazu wäre noch zu sagen, dass Franz sehr rechthaberisch, bestimmend und sein Organ war laut und kommandierend, befehlend. (Er war während des Krieges Feldwebel von DR. FRIEDRICH HEER, der damals Dramaturg im Burgtheater war.) Auch war sein Sprachidiom nicht dem Burgtheaterdeutsch, sondern eher der Gegend von Simmering und Favoriten angesiedelt. Da sich Kortner immer noch nicht rührte und weiter diskutierte, hörte man Franzens Stimme schon etwas lauter und unwilliger: “De Nudelsuppn füan Hean Kortner!“ Noch immer keine Reaktion von Kortner. Er diskutierte weiter. Darauf Franz schon sehr laut und ganz unwillig: „Hea Koatna ihnare Nudlsuppn!“

Das Unheil saß dräuend über der Szene. Alle Gespräche verstummten. Um die Situation zu retten, holte ERICH AUER die schon mehrmals genannte Nudelsuppe, servierte sie Kortner an den Tisch mit dem Worten :“Die Nudelsuppe für den Herrn Kortner. Sehr heikel! Aber warum haben sie sich nicht gemeldet, als der Franz sie ausgerufen hat?“ Darauf Kortner leise, aber sehr deutlich, (Ich saß ja nur 40 cm von ihm entfernt): „Warum? Ich fürcht mich vor dem Franz!“