HERWIG LENAU
Eine Bilanz

Ameisbrücke 44

Es verdient festgehalten zu werden. Ein erst vor kurzer Zeit 18 Jahre alt gewordener Sohn ist auf dem Weg in den Krieg, an die Ostfront. Die befindet sich schon einige Zeit nicht mehr in Russland. Aber Millionen von Soldaten, hunderttausenden von Geschützen und tausende von Panzern werden ihn in einigen Wochen gegenüberstehen, er ist zwar gut ausgebildet und gläubig seine Heimat verteidigen zu müssen, aber er ist auf dem Weg zum Golgatha von Millionen von Soldaten. Muss er auch diese Via dolorosa gehen? Sein Soldatenglück beschütze ihn. Aber das wusste er damals noch nicht.

Der Zufall wollte, dass der Transportzug nächst der Abfahrt der Ameisbrücke Richtung Hütteldorf wegen einer Ruhepause stehen blieb. Ein Entfernen von Zug war verboten, aber er ersucht einen vorbeigehenden Passanten die Telephonnummer eines Hausbewohners seiner Mutter anzurufen und ihr dies mitzuteilen.

Das glückte und dreiviertel Stunden später war die Mama an der bezeichneten Stelle. Und ich konnte mich von ihr, noch einmal und sogar in Ruhe, nur durch einen Maschendrahtzaun von ihr getrennt, verabschieden. Eine ganze Stunde lang. Dann fuhr der Zug weiter. Das winkende Taschentuch der Mama wurde leider bald von dort abgestellten Waggons verdeckt.

Ich bin jetzt 80 und immer noch ist mir dieser Augenblick so deutlich in Erinnerung.